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1. gemeinsamen Jahreskongress der DGG und der ÖGGG (=14.DGG- Jahrestagung)
in Berlin, 16. bis 18. November 2006
ALTER IST VIELFALT!
Arzneimittelversorgung im Alter
Pressetext von Prof. W. von Renteln-Kruse, Hamburg
Ältere Menschen benötigen oft viele Medikamente, weil sie
auch an mehreren Krankheiten leiden. Aber nicht nur das führt besonders
häufig zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Bereits in klinischen
Studien werden ältere Patienten zu wenig berücksichtigt. Der
Stoffwechsel ändert sich mit zunehmendem Alter. Deswegen können
Pillen anders wirken als bei jungen Menschen. Es werden zum Teil zu viele,
aber auch zu wenige Mittel verordnet. Allerdings gibt es positive Ansätze
auf diesem Gebiet.
Zweifellos trägt eine wirksame Arzneimitteltherapie erheblich dazu
bei, dass immer mehr Menschen auch im höheren und hohen Lebensalter
Krankheiten überstehen und trotz chronischer Erkrankungen eine bessere
Lebensqualität haben als früher. Mehr als die Hälfte aller
Arzneimittel wird über 60-jährigen Personen verschrieben. Der
jährliche Arzneiverordnungsreport der Gesetzlichen Krankenversicherungen
zeigt, dass alte Menschen im Durchschnitt drei verschiedene Medikamente
nehmen müssen, und das dauerhaft. In die Statistik fließen
naturgemäß auch solche Patienten ein, die kaum Arzneien benötigen;
viele erhalten deutlich mehr als drei verschiedene Substanzen. Dabei ist
die Selbstmedikation nicht erfasst.
Dass die Verordnungen mit höherem Lebensalter ansteigen, ist leicht
zu erklären: Viele ältere Menschen sind "multimorbide",
das heißt, sie leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig.
Trotz erheblicher Fortschritte in der medikamentösen Therapie hat
sich die Häufigkeit unerwünschter Arzneimittelwirkungen leider
nicht wesentlich verändert. Auch eine neuere deutsche Studie belegte
einmal mehr, dass ältere Patienten häufiger als jüngere
wegen unerwünschter Wirkungen in Notfallambulanzen und Krankenhäusern
landen. Die direkten Kosten dieser Krankenhausaufnahmen in Deutschland
wurden auf jährlich 400 Millionen Euro geschätzt. Man könnte
mit gewisser Ironie sagen, dies sei der Preis der zunehmenden Medikalisierung
unserer Gesellschaft. Arzneimittel-Desaster der vergangenen Jahre betrafen
leider auch gerade ältere Patienten.
Hinzu kommen, wie aus Studien der letzten Jahre hervorgeht, quantitative
und auch qualitative Unterschiede in der medikamentösen Behandlung
zwischen verschiedenen Gruppen älterer Patienten sowie auch zwischen
älteren Frauen und älteren Männern. Das betrifft beispielsweise
die Schmerztherapie, die Krebsbehandlung sowie den Einsatz von vorbeugenden
Medikamenten.
Es gibt in der medikamentösen Behandlung alter Patienten sowohl
die Unter- als auch die Überversorgung. Zudem werden Medikamente
verschrieben, die nach Expertenmeinung für alte Menschen wenig oder
gar nicht geeignet sind. Eine dem Alter nicht angepasste Arzneitherapie
kann der Gesundheit mehr schaden als nutzen. Außerdem werden dadurch
Ressourcen im Gesundheitswesen unnütz verbraucht. Andererseits werden
behandelbare Krankheiten nicht oder nicht ausreichend behandelt. Dies
ist Ausdruck von immer noch vorhandenem therapeutischen Nihilismus im
Alter ("es nützt ja ohnehin nicht mehr").
In Therapiestudien werden alte Patienten noch immer viel zu wenig berücksichtigt.
Daraus folgen in der Praxis Unsicherheiten bei ihrer Behandlung. Therapierichtlinien
für multimorbide Patienten fehlen, bestehende Empfehlungen sind für
praktisch tätige Ärzte nicht immer hilfreich.
Die Arzneimittelsicherheit und die angepasste, individualisierte Arzneimittelbehandlung
sind also aus guten Gründen für Geriater von großem Interesse.
Altersmediziner gehören seit Jahren zu jenen, die intensivere Forschung
im Bereich der Arzneimittelanwendung, Pharmakoepidemiologie sowie Erfassung
unerwünschter Wirkungen ("Pharmacovigilance") fordern.
Es gibt aber auch Hoffnungen: Das Konzept erweiterter Therapieerfolgskriterien
bei der Durchführung und Bewertung von Studien unter Einschluss multimorbider
Patienten wird langsam umgesetzt. Ein Beispiel ist die Untersuchung von
Wirkungen antidepressiver Behandlung auf den funktionellen Status. Zu
Recht wurde auch angeregt, in Studien zu medikamentösen Therapien
unter Einschluss älterer Patienten, die ja später zu den Haupt-Nutznießern
der Behandlung zählen, eventuelle ungünstige Wirkungen auf die
funktionelle Alltagskompetenz wie etwa ein erhöhtes Sturzrisiko mit
zu untersuchen.
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Wolfgang von Renteln-Kruse
Albertinen-Haus, Zentrum für Geriatrie und Gerontologie
Wissenschaftliche Einrichtung an der Universität Hamburg
Sellhopsweg 18 – 22; 22459 Hamburg
Tel.: 040/5581-1351; Fax: -1000
Mail
PRESSE-Kontakt:
MWM-Vermittlung
Kirchweg 3 B, 14129 Berlin
Tel.: (030) 803 96 86, Fax: -87
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