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13. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Fulda,
3. bis 5.11.05
Sind die Alten die Verlierer des Systems?
Stellungnahme von Prof. Roland Hardt, Vorstandsmitglied der DGG
Praxisgebühr, Zuzahlung, DRG-System:
Dass im Gesundheitswesen gespart werden muss und ein effektiver Einsatz
der knappen Mittel das Gebot der Stunde ist, darüber besteht in der Gesellschaft
sicher kein Dissens. Wenn sich das Sparsamkeitsgebot jedoch an den eigenen
Lebensumständen konkretisiert, erhebt sich immer die Frage:
"Muss denn immer im eigenen Lebensbereich oder der eigenen Interessengruppe
gespart werden?"
Meistens finden sich dann sehr schnell Andere, bei denen noch viel vordringlicher
und viel effektiver eingespart werden könnte oder müsste.
Häufig sind es dann die Alten, die in das Visier der mitunter selbst
ernannten Sozialexperten geraten. Ohnehin sind hier die Gesundheitskosten,
besonders auch im stationären Bereich, am allerhöchsten. Gleichzeitig
zählt die Lobby der Alten zu den Schwächsten.
Ausgehend von der (durchaus richtigen) Tatsache, dass der Mensch in
seinen beiden letzten Lebensjahren den größten medizinischen Ressourcenverbrauch
hat, zielen Einsparvorschläge oft besonders darauf ab, hier zu tiefen
Einschnitten zu gelangen. Häufig wird dann mit der durchschnittlichen
Lebenserwartung argumentiert, wobei aber meistens die Lebenserwartung
heute Neugeborener zitiert wird. Wer also jetzt schon 75 Jahre alt ist,
hat nach dieser Argumentation sein "Soll" bereits erfüllt und möge sich
also, anstatt ein neues Hüftgelenk zu beanspruchen, mit einer Krücke begnügen.
Wenn wir aber die tatsächlichen Verhältnisse betrachten, so stellen wir
fest, dass die heute 75-Jährigen noch eine verbleibende Lebensdauer von
zehn Jahren haben (Frauen sogar deutlich länger). Die Funktionsdauer eines
neuen Hüftgelenkes wird also in dieser Altersklasse noch voll ausgenutzt
und ist im Hinblick auf die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit und die
Erhaltung von Mobilität und persönlicher Autonomie zudem besonders kosteneffizient.
Auch die gegenwärtig wieder aufkommende Diskussion um die aktive Sterbehilfe
muss aus Sicht der Altersmedizin besonders aufmerksam und kritisch betrachtet
werden. Der Lebenswille besonders der alten Menschen hängt ganz entscheidend
von ihrer Lebensqualität ab. Deren Erhaltung ist also erstes Gebot und
nicht die "Hilfe" bei der Flucht aus einer vermeintlich ausweglosen Situation.
Die Umstellung des Vergütungssystems im stationären Bereich auf diagnosebezogene
Fallpauschalen sowie die Disease Management Programme im ambulanten Bereich
sind für die Belange alter, multimorbider Menschen nur bedingt geeignet.
Sie lassen sich meist nicht in das Schema einer Erkrankung einordnen,
sondern weisen oft komplexe, durch verschiedenste Befundkonstellationen
bedingte Funktionsstörungen auf. Die Alten werden hierdurch nicht selten
zu wirtschaftlich unattraktiven Klienten des Systems, da der notwendige
Aufwand bei ihrer Behandlung sich nur sehr schwer kostendeckend betreiben
lässt. Die gleichzeitige Forcierung des Wettbewerbes der Leistungsanbieter
im Gesundheitswesen untereinander birgt hier zusätzliche Risiken.
Zwar ist es gelungen, im stationären Bereich eine Fallpauschale zu etablieren,
die die Belange der geriatrischen Patienten so gut es geht widerspiegelt.
Auch der Risikostrukturausgleich federt manche Mehrbelastung deutlich
ab. Es muss jedoch weiter für die Belange der Medizin für alte Menschen
gerungen werden.
Somit sind die Alten (noch) nicht die Verlierer des Systems, sie brauchen
jedoch eine starke Lobby.Ansprechpartner:E-Mail:
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Roland Hardt
Katholisches Klinikum Mainz
Geriatrie St. Hildegardis
Hildegardstraße 2
55131 Mainz
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