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13. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Fulda, 3. bis 5.11.05

Krebsvorsorge und -behandlung bei alten Patienten:
"Lohnt" sich das denn überhaupt?

handout von Prof. Gerald Kolb
Die Bevölkerungsentwicklung mit steigender Lebenserwartung wird zur Zunahme von Krebserkrankungen speziell bei älteren Menschen führen. Schon bald wird Krebs sowohl die Krankheits- als auch die Sterblichkeitsstatistik anführen und spätestens im Jahr 2020 die Herz-Kreislauf-Krankheiten als "Killer Nr. 1" ablösen. "Die großen Drei", nämlich Brust-, Prostata- und Darmkrebs, sind weltweit die häufigsten bösartigen Erkrankungen, und ebenso sind sie typische Tumoren des höheren Lebensalters.
Im Gegensatz zu ihrer demographischen und damit auch gesundheitsökonomischen Bedeutung spielen alte Tumorpatienten in der Geriatrie ebenso wie in der klassischen Onkologie eher eine nachgeordnete Rolle. Sie werden häufig nicht angemessen diagnostiziert und behandelt. Ein weitverbreitetes Vorurteil besagt, dass das Alter selbst der Grund dafür sei, dass die Behandlung hier "zu gefährlich" sei und vor allem kaum helfe. Die Überprüfung einschlägiger Studien hat aber gezeigt, dass das Alter an sich kein Risikofaktor ist. Vielmehr sind es die altersbedingten körperlichen Veränderungen, auf die Rücksicht genommen werden muss und kann, um bessere Therapieergebnisse zu erzielen. Dazu gehört zum Beispiel, dass der ältere Organismus Krebsmedikamente anders verarbeitet.
Tumortherapie im Alter ist zunehmend erfolgreich: Zum einen ist der "Schrecken der Chemotherapie" seit längerem überwunden, weil diese Arzneimittel verträglicher geworden sind. Zum anderen und vor allem tragen Begleitmedikamente dazu bei, dass Krebs auch im Alter zunehmend heilbar wird. Zwar ist ab dem 70., spätestens dem 75. Lebensjahr das Knochenmark weniger funktionstüchtig. Im Alter häufiger vorkommende Knochenmarkschädigungen und Anämien können aber durch rechtzeitige Gabe von blutbildenden Wachstumsfaktoren ausgeglichen werden. Und siehe da: Werden die Veränderungen des älteren Körpers in der Therapie berücksichtigt, sind die Erfolge ähnlich gut wie bei jüngeren Tumorpatienten.
Allerdings sind moderne Therapieformen auch um ein vielfaches teurer. Soweit die Kostenträger dies noch nicht einsehen, werden sie damit rechnen müssen, dass die Patienten selbst – zu Recht – eine moderne Behandlung einfordern werden.
Ein ebenfalls weit verbreitetes Vorurteil ist auch, dass alte Krebspatienten nicht behandelt werden wollen. Behandlungswunsch und Lebensqualität hängen deutlich von familiären und anderen sozialen Bindungen sowie psychosozialen Umständen ab.
Chancen der Vorsorge
Brustkrebs: Das Risiko, an einem Mammakarzinom zu erkranken, steigt von rund 1:2.500 bei Dreißigjährigen auf 1:10 bei Achtzigjährigen an. Dennoch hören die meisten nationalen Mammakarzinom-Screening-Programme beim sechzigsten Lebensjahr oder sogar noch früher auf. Die Folge: Die Mehrheit aller fortgeschrittenen Stadien des Mammakarzinoms wird bei älteren Frauen gefunden. Dies ist um so bedauerlicher, als eine korrekte Operation in Verbindung mit begleitender Chemo- oder Hormontherapie bei älteren ebenso wirksam ist wie bei jüngeren Frauen.
Krebs der Vorsteherdrüse: Hier ist die Situation anders. Dies liegt unter anderem daran, dass immer noch umstritten ist, ob und welchen Patienten eine Totalentfernung der Prostata nutzt. Die möglichen Nachteile sind bekannt. Deshalb wird in frühen Stadien ohne Symptome auch meist von einer Operation abgeraten. Auf der anderen Seite führt "beobachtendes Zuwarten" zu einer erhöhten Häufigkeit von Inkontinenz. Aus diesen Gründen wird derzeit wissenschaftlich untersucht, ob eine Massenuntersuchung (Screening) auf Prostatakrebs mit der Folge einer frühzeitigen Diagnostik und einer Frühoperation sinnvoll ist. Mit einigermaßen endgültigen Ergebnissen ist nicht vor 2008 zu rechnen, so dass derzeit Ärzte ihre Patienten lediglich umfassend informieren und bei der individuellen Entscheidung beraten können, ob ein chirurgischer Eingreif empfehlenswert ist.
Krebs des Dick- oder Enddarms: Um das 75. Lebensjahr liegt das Risiko für ein kolorektales Karzinom bei etwa 1:200 und somit im mittleren Bereich. Die Screening-Empfehlungen basieren weitgehend auf Expertenempfehlungen. Einerseits ist die Effektivität der Untersuchungsmethoden, zu denen die Darmspiegelung (Koloskopie), das Röntgen sowie der Test auf verborgenes Blut im Stuhl gehören, bewiesen. Die Sterblichkeit kann – je nach Studie und Kombination der Techniken – um 15 bis 33 Prozent gesenkt werden. Es gibt aber noch unbeantwortete Fragen und Probleme. Es ist zum Beispiel noch nicht ausreichend untersucht, wie hoch die Komplikationsraten sind. Unstrittig ist auch, dass nicht unerhebliche Ressourcen für derartige Massenuntersuchungs-Programme mobilisiert werden müssen. Was die Behandlung alter Patienten betrifft, ist die Situation unbefriedigend: Während bei 40- bis 50-jährigen Patienten – und das ist die absolute Minderheit aller Erkrankungsfälle – eine stadiengerechte Behandlung bei praktisch allen erfolgt, sinkt diese Rate bei 70-Jährigen erheblich, und bei Menschen ab dem 80. Lebensjahr erhält nur noch ein kleiner Bruchteil zum Beispiel eine begleitende Chemotherapie. Dadurch nimmt man unnötige Todesfälle in Kauf und verzichtet auf durchaus mögliche Heilungen.
Bislang völlig unterentwickelt ist die Zusammenarbeit zwischen Fachärzten für Krebsbehandlung (Onkologen) und Fachärzten für Alterskrankheiten (Geriatern). Dabei ist bekannt, dass ein fachübergreifendes Training beider Berufsgruppen rechtzeitige Diagnose und Behandlungserfolg nachhaltig verbessern. Seit Ende 1999 gibt es deshalb eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Geriatrische Onkologie".
Insgesamt ist fest zu stellen, dass sich Früherkennung auf und Behandlung von Krebs bei älteren und alten Menschen sehr wohl "lohnt", aber sträflich vernachlässigt wird. Leider wird die Früherkennung durchweg bei jüngeren Menschen durchgeführt. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass, zumindest derzeit, "die Alten die Verlierer des Systems" sind.
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Dr. rer.physiol. Gerald Kolb
St. Bonifatius Hospital Lingen,
Akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover
Innere Medizin, Fachbereich Geriatrie, Geriatrische Onkologie
Wilhelmstraße 13, 49808 Lingen (Ems)
Tel.: 0591/910-15 01
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