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13. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, Fulda, 3. bis 5.11.05

Nicht jede Form der Vergesslichkeit ist ein Vorzeichen der Alzheimer-Krankheit
Wenn das Gedächtnis nachlässt …

handout von Dr. Dr. Ulrich Kuipers
° Die weithin bekannte Alzheimer-Erkrankung ist nur eine Form von Demenzen.
° Eine Demenz ist gekennzeichnet durch einen chronisch, mit der Zeit schlimmer werdenden Verlust der Hirnleistung, die auf eine degenerative, also
biologisch bedingte Hirnveränderung zurück geht.
° Nicht jeder Verlust an kognitiven Fähigkeiten und nicht jede Vergesslichkeit mit zunehmendem Alter ist automatisch eine Demenz. Eine Gedächtnisstörung
kann ein Hinweis auf Hirnveränderungen sein, beweist sie für sich genommen aber nicht. Vergesslichkeit muss also noch nicht krankhaft sein.
° Gerade auch deswegen ist es enorm wichtig, eine
sehr genaue Diagnose zu stellen, bevor von "Alzheimer" gesprochen wird.
Man teilt das Gedächtnis in ein Langzeit- und in ein Kurzzeitgedächtnis ein.
Das Langzeitgedächtnis kann man sich wie eine Bibliothek vorstellen, in der jedes erlebte Lebensjahr wie ein Buch aufgereiht steht. Die letzten Jahre sind die am spätesten eingereihten Bücher. Im Verlauf der Demenz fallen diese als erstes aus dem Regal und der Betroffene lebt zunehmend in der Vergangenheit.
Das Kurzzeitgedächtnis (Merkfähigkeit) wiederum spiegelt die Erinnerung der letzten Momente wieder. Fällt dieses aus, wissen die Betroffenen nicht mehr, was sie wollen, wohin sie wollen und warum sie da sind, wo sie jetzt sind. Das führt zum ständigen Nachfragen bei den nächsten Angehörigen. Man kann dieses mit dem Lichtkegel einer Taschenlampe vergleichen. Nur das, was der Kegel zeigt, ist bewusst. Was man vorher beleuchtet hat, gerät sogleich wieder in Vergessenheit. Um sich zu orientieren, wird ständig hin und her geleuchtet.
Diagnosesicherung
Um eine Demenz sicher festzustellen und zum Beispiel auch von einer mehr oder minder "normalen" Alters-Vergesslichkeit abzugrenzen, sollte die Diagnose – in der Regel ambulant – bei einem Neurologen, Nervenarzt, Psychiater oder Internist/Hausarzt mit Erfahrung in der Demenzdiagnostik erfolgen. Es gibt klare Definitionen und Diagnosekriterien (siehe Tabelle unten). Eine stationäre Abklärung ist im Prinzip möglich, bedeutet aber für den Betroffenen aufgrund des Ortswechsels und vorübergehenden Verlustes wichtiger Bezugspersonen eine erhebliche Belastung.
Der betreuende Arzt muss zum einen den/die Betroffenen und die Angehörigen befragen und zum anderen potentielle organische Ursachen zunächst ausschließen. Hierzu gehört eine internistische, neurologische und psychiatrische Untersuchung und Befunderhebung sowie eine Blutabnahme, um Entzündungen oder Stoffwechselstörungen wie zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion festzustellen beziehungsweise auszuschließen. Es folgt ein Computertomogramm zur Klärung eventueller organischer Ursachen (zum Beispiel Hirntumoren), wobei manche Ärzte dieses nur dann durchführen, wenn bei den vorherigen Untersuchungsschritten eine sich häufig ändernde Symptomatik oder neurologische Defizite wie Lähmungen festgestellt wurden. Ein unauffälliges Computertomogramm schließt aber eine Demenz nicht aus.
Als nächsten Schritt müssen vermutete Defizite des Gedächtnisses quantitativ gesichert werden, denn die Angabe subjektiver Beschwerden ersetzt nicht eine objektive Testung. In den letzten Jahren haben sich folgende psychologische Tests zur Ermittlung der Hirnleistung etabliert: Minimental-Test für schwerer Betroffene, DemTect für leicht Betroffene, der Uhrentest und der CERAD-Test (relativ umfangreich).
Ganz wichtig ist auch, zu klären, ob eine Depression vorliegt. Depressionen im Alter sind häufiger, als sogar viele Ärzte glauben und werden oft unzureichend behandelt, obwohl dies auch bei älteren Menschen sehr gut möglich ist. Eine unbehandelte Depression aber kann Ursache für Kommunikations- und somit auch für scheinbare "Gedächtnis"-Störungen sein.
Therapie und Verlauf der Demenz
Ist die Diagnose "Demenz" gesichert, sollte der Befund schriftlich fixiert und den Betroffenen und den betreuenden Angehörigen mitgeteilt werden. Häufig kommen Fragen zum Verlauf und zu Therapiemöglichkeiten auf.
Die Verläufe sind individuell sehr unterschiedlich. Im Mittel nehmen die kognitiven Leistungen innerhalb von fünf bis zehn Jahren aber deutlich ab, und die Betroffenen leiden zunehmend unter Gedächtnisstörungen, später auch unter Werkzeugstörungen (siehe Anmerkungen zur Tabelle) und zuletzt zum Teil auch unter Sprachstörungen. Die Mobilität bleibt oft lange erhalten. Die alltagspraktischen Fähigkeiten nehmen langsam ab, so dass Pflegende (in der Regel Ehepartner, später auch die Kinder) zunehmend Aufgaben übernehmen müssen. Dazu gehören Waschen, Kochen, Ernähren, Beschäftigen, später auch Überwachen und Begleiten. Als besondere Belastung werden von den Partnern der Beziehungsverlust und von allen Pflegenden die Einschränkung der eigenen Bedürfnisse wie Ruhephasen angegeben. Trotzdem ist die Motivation der Angehörigen zur Übernahme der Pflege in der Regel hoch. Dabei ist es sehr wichtig, sich früh um Entlastung in einem Versorgungsnetz zu kümmern. Bisher hat weder die gesetzliche Krankenversicherung noch die Pflegeversicherung angemessen auf die familiäre Betreuungs- und Versorgungssituation alter und dementer Personen reagiert.
Medikamente: Große Hoffnungen werden auf den Einsatz von Medikamenten gesetzt.
Die bisher eingeführten Antidementiva führen aber nicht zur Heilung.
Sie können den Verlauf jedoch verlangsamen, die kognitiven Leistungen leicht bessern, eine notwendige Heimeinweisung hinaus zögern und die Führbarkeit der Betroffenen im Haushalt erleichtern. Der Einsatz von Medikamenten (vor allem von Psychopharmaka) erfordert viel Erfahrung. Obwohl Hausärzte in der Regel die Weiterbetreuung übernehmen, fehlt es ihnen nicht selten an dieser Erfahrung.
Pflegeheime: Eine Betreuung zu Hause ist meistens dann nicht mehr möglich, wenn die Hygiene bei (Stuhl-)Inkontinenz nicht mehr eingehalten werden kann, keine pflegenden Angehörigen vorhanden sind oder Verhaltensauffälligkeiten wie Weglauftendenzen, Aggressivität, ablehnendes Verhalten gegen ambulante Pfleger oder Schlafstörungen mit Tag/Nacht-Umkehr auftreten. Die Pflegeheime sind häufig sehr mäßig auf die Betreuung Dementer eingerichtet. Insbesondere dann, wenn diese sehr mobil (es fehlen bauliche Maßnahmen, die ein freies Bewegen ohne Eigengefährdung erlauben) oder aggressiv (kein psychiatrischer Konsiliardienst, keine Erfahrung mit derartig Erkrankten) sind. In der Hilflosigkeit kommt oft der Ruf nach ruhig stellenden Medikamenten, was einer chemischen Fixierung gleichkommt. Angehörige, die sich mit dem Gedanken beschäftigen, einen dementen Angehörigen in ein Heim unterzubringen, sollten sich vorher in Angehörigen-Selbsthilfegruppen, bei kenntnisreichen Ärzten und vor Ort nach der Betreuungsform erkundigen.

Es gibt mehrere Demenzdefinitionen. Zwei häufig zitierte werden hier vorgestellt:
  WHO 1997, ICD-10 (International Classification of Diseases) Füsgen I.: Demenz, 3. Auflage MVV Medizin Verlag 1995
1 Eine Abnahme des Gedächtnisses und anderer geistiger Fähigkeiten, erkennbar an der Verminderung der Urteilsfähigkeit und des Denkvermögens

Verlust intellektueller Fähigkeiten in einem Ausmaß, dass die sozialen und beruflichen Leistungen kaum mehr bewältigt werden können.

Objektiv nachweisbares Nachlassen des Gedächtnisses.

Störungen in mindestens einem der folgenden Bereiche: abstraktes Denken, Urteilsvermögen, andere höhere kortikale Funktionen (z.B. Aphasie, Apraxie, Agnosie), Persönlichkeit

2 Keine Bewusstseinstrübung. Die Patienten sind wach und ansprechbar und reagieren auf bestimmte Anforderungen, entsprechend ihrer verbliebenen Fähigkeiten. keine Bewusstseinstrübung
3 Verminderte Kontrolle über die eigenen Affekte mit mindestens einem der folgenden Merkmale: emotionale Labilität, Reizbarkeit, Apathie, Vergröberung des Sozialverhaltens; zum Beispiel können Patienten die Intensität ihres Lachens und Weinens nicht mehr steuern, haben Gefühlsausbrüche ohne ersichtlichen Grund, können Gefühle und den Umgang mit den Mitmenschen nicht mehr steuern, scheinen sich für die Außenwelt charakterlich verändert zu haben.  
  Dauer der Symptome min. sechs Monate. Dauer der Symptome mindestens sechs Monate
Anmerkungen:
- Unter einer Aphasie versteht man eine erworbene gestörte Sprachproduktion.
- Die Apraxie (griech. apraxia: die Untätigkeit; deutsch: Werkzeugstörung) bezeichnet die Unfähigkeit, früher erlernte Bewegungen oder Bewegungsabläufe auf Befehl auszuführen. Dabei ist die Fähigkeit der Bewegung (Motilität) und der Wahrnehmung allein weiterhin gegeben, die Integration dieser beiden aber gestört.
- Agnosie ist die Unfähigkeit, trotz intakter Sinnesorgane Wahrgenommenes zu erkennen und richtig einzuordnen.
- Bewusstseinstrübung: Qualitative Beeinträchtigung der Bewusstseinsklarheit. Die Fähigkeit ist gestört, verschiedene Aspekte von der eigenen Person und der Umwelt zu verstehen, sie sinnvoll miteinander zu verbinden, sich entsprechend mitzuteilen und sinnvoll zu handeln.
Ansprechpartner:
Dr. med. Dr. rer. nat. Ulrich Kuipers
St. Bonifatius Hospital Lingen, Innere Medizin, Fachbereich Geriatrie
Akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover
Wilhelmstraße 13, 49808 Lingen (Ems)
Tel.: 0591/910-15 11
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PRESSE-Kontakt:
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