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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006
Kommunikation zwischen Patientin und Arzt – zentrales
Thema des Kongresses
Presse-Unterlage von Prof. Johannes BITZER, Basel
Eine Professionalisierung der Kommunikation zwischen
Ärztinnen und Ärzten einerseits und Patientinnen, gegebenenfalls
mit ihren Begleitpersonen andererseits bedeutet besseres Verständnis,
mehr Zuwendung und das Eingehen auf das Bedürfnis nach Entscheidungsfreiheit.
Eine solche Professionalisierung heißt, dass Ärzte sich dazu
bekennen, aber auch die Hauptverantwortung übernehmen, denn ein optimaler
Austausch stellt die Grundlage einer hilfreichen Arzt-Patientin-Beziehung
einerseits und jedweder Diagnostik und Therapie andererseits dar. Zwei
Fertigkeiten müssen von Ärztinnen und Ärzten erlernt, geübt
und angewandt werden: Das professionelle Zuhören und das professionelle
Mitteilen.
Während die materiellen und manuellen ärztlichen
Tätigkeiten in der Regel nach allgemein gültigen Standards ablaufen,
bleibt das kommunikative Wirken oft in einem vagen, eher undefinierten
Raum. Dabei ist es ganz wesentlich für Diagnostik und Therapie: Ohne
den kunstgerechten Austausch von Informationen entsteht im wahrsten Sinne
des Wortes eine Apparatemedizin, die vom kranken Subjekt abstrahiert und
damit ihr Ziel, kranken Menschen zu helfen, verfehlt.
Ärztliche Kommunikation: Talent oder Lernstoff?
Wie lässt sich das Konzept einer patientenzentrierten, humanen Frauenheilkunde
umsetzen? Ist die Fähigkeit zur Kommunikation nicht angeboren und
Folge von persönlichen Einstellungen und erlerntem Menschenbild?
Nein oder zumindest nicht nur: Auch die Kommunikation mit Patientinnen
als ärztliche Verhaltensweise ist lehr-, lern- und überprüfbar.
Professionelles Zuhören bedeutet, "mit mehreren Ohren reflektierend
zu hören": Sachliche Mitteilung, emotionaler Ausdruck und Beziehungsbotschaft
sollten verstanden und durch Rückmeldung überprüft werden.
Professionelles Mitteilen heißt ärztliches Wissen teilen: Einfache,
verständliche Sprache; zu Rückfragen ermutigen; Bedeutungen
klären helfen; Verarbeitung der Information ermöglichen und
unterstützen.
Die kommunikativen Basisfertigkeiten
Basis jeder Kommunikation ist die Herstellung und Erhaltung einer Beziehung.
Damit Kommunikation stattfinden kann, müssen sich die kommunikativen
Partner als solche definieren und eine gemeinsame Plattform des Informationsaustausches
schaffen. Die ist gleichsam die Hardware der Kommunikation, die Vernetzung
von Sendern und Empfänger.
Unabdingbar dafür ist zunächst ein Setting, eine
Plattform der Begegnung. Damit Arzt und Patientin in eine kommunikative
Beziehung treten können, brauchen sie zunächst einen definierten
Raum und eine definierte Zeit. Raum und Zeit müssen bewusst gestaltet
werden. Wo findet die Begegnung statt (in der Praxis, am Krankenbett)
und wie viel Zeit ist dafür vorgesehen (der offene Zeitrahmen ist
eher die Ausnahmen, normalerweise muss mit den zeitlichen Grenzen als
Teil der Realität transparent umgegangen werden). Der Arzt darf nicht
ständig von äußeren Signalen abgelenkt sein.
Zudem ist eine gemeinsame Definition der Teilnehmer-Rollen und -Aufgaben
notwendig. Wer nimmt an der Kommunikation direkt oder indirekt teil (Patientin
allein?, Andere?)? Welches sind die Erwartungen der Patientin, welches
sind die Ziele des Arztes? Welche Merkmale der Patientin werden voraussichtlich
einen Einfluss auf die Kommunikation nehmen? Es gibt empirisch überprüfte
kommunikative Verhaltensweisen bei Ärzten, welche die Wahrscheinlichkeit
erhöhen, dass sich eine hilfreiche Arzt-Patientin Beziehung entwickeln
kann. Dazu gehören:
* Das aktive Zuhören. Es handelt sich um das Zuhören mit dem
ganzen Körper. Alle Kanäle der Aufnahme für Informationen
sind offen. Ein essentieller Bestandteil ist der Umgang mit Pausen. Sie
erlauben der Patientin, ihre Gedanken zu entwickeln und ihre Gefühle
auszudrücken.
* Der bewusste, kunstgerechte Umgang mit emotionalen und Beziehunginhalten
der Kommunikation. Die Erzählung der Patientin enthält neben
faktischen Mitteilungen auch immer Informationen über ihre emotionale
Befindlichkeit und über das Erleben ihrer Beziehung zum Arzt. Dies
geschieht im Wesentlichen durch averbale Kommunikation und Körpersprache.
Ärzte müssen lernen, auch diese Sprache zu verstehen. Das bedeutet
auch, dass Ärzte bewusster wahrnehmen, was sie selbst mit Körperhaltung,
Gesichtsmimik, Gestik und Stimme ausdrücken.
Die Mitteilung schlechter Nachrichten
Eine schwierige, jedoch für den Beruf des Arztes typische Aufgabe
ist es, Patienten emotional belastende Mitteilungen zu machen: Die neu
gestellte Diagnose einer Krebserkrankung, die Mitteilung über eine
Fehlgeburt oder die Information über das definitive Scheitern einer
Kinderwunschbehandlung sind solche Situationen. Diese Mitteilungen rufen
eine breite Palette intensiver emotionaler Reaktionen bei der Empfängerin
hervor: Erschrecken und Schockzustand mit Schwindelgefühl, Herzjagen,
Atemnot; Angst und Panik; Trauer und Verzweiflung; Wut und Neid; Zweifel
und Verunsicherung. Ärzte begleiten ihre Patientinnen bei der Aufnahme
und der Verarbeitung solcher Mitteilungen.
Diese Begleitung stellt einige professionelle Anforderungen. So sollte
die Patientin Unterstützung dabei bekommen, die Informationen zu
verarbeiten. Die Wahrscheinlichkeit, den seelischen Schmerz wenigstens
zu lindern und der Betroffenen ihre Handlungsfähigkeit zurück
zu geben, erhöht sich durch einen bewussten und kunstgerechten Umgang
mit diesen Mitteilungen. Dazu gehören:
° Die Patientin hat das Recht, die Wahrheit zu erfahren; sie hat auch
ein Recht auf Nichtwissen. Aber Lügen und Unwahrheiten schaden der
Arzt-Patientin-Beziehung.
° Die Patientin hat ein Recht darauf, einfühlsam und ihren persönlichen
Umständen entsprechend informiert zu werden; die ärztliche Haltung
sollte weder schroff und rein sachlich noch mitleidig und allzu selbstbetroffen
sein, sondern einer professionelle Fürsorge entsprechen.
° Wenn der Arzt eine schlechte Nachricht angekündigt und eine
Diagnose mitgeteilt hat, muss er der Patientin erst einmal Zeit geben,
diese Mitteilung aufzunehmen und in der ihr eigenen Art und Weise zu reagieren:
Schweigen, Lähmung, Weinen, sofortiges Nachfragen, Zweifel, Wut können
in unterschiedlicher Mischung zum Ausdruck kommen. Der Arzt sollte seine
weiteren Interventionen auf diese Reaktion abstellen. Wenn die Patientin
sich in ihrer Reaktion verstanden und angenommen fühlt, wird sie
in die Lage versetzt, die für sie wichtigen Fragen zu stellen. Zum
folgenden Informationsaustausch gehört auch, dass der Arzt nachfragt,
ob die Information verstanden wurde und welche Bedeutung sie für
die Patientin hat. Gegen Ende des Gespräches ist es wichtig, dass
der Arzt die wichtigen Informationen zusammenfasst und die nächsten
praktischen Schritte angibt. Dies beinhaltet auch immer den behutsamen
Aufbau von Hoffnung und die Vermittlung eines Gefühls von Unterstützung,
sodass die Patientin spürt, dass sie nicht allein gelassen wird.
Risikoberatung
Die Nutzen-Risikoberatung ist eine der häufigsten kommunikativen
Tätigkeiten von Gynäkologinnen und Gynäkologen. Es gibt
dazu international entwickelte Standards, die sich im Konzept der "gemeinsamen
Entscheidungsfindung" (shared decision making) und der bewussten
Einwilligung (informed consent) niedergeschlagen haben. Vom Arzt erfordert
dies:
- Ärzte müssen wirklich überzeugt sein, dass die "Mitwisserschaft"
der Patientinnen nützlich für die medizinische Betreuung ist.
- Ärzte müssen sich für die Ziel- und Wertvorstellungen
ihrer Patientinnen öffnen und diese als konstituierenden Bestandteil
des Entscheidungsfindungsprozesses anzuerkennen.
- Ärzte müssen selbst Wissen erwerben über statistische
Verfahren und Aussagekraft von Tests und sie müssen in der Lage sein,
dieses Wissen in geeigneter Form weiterzugeben. Den statistische Zahlen
sind für sich genommen in den meisten Fällen keine Entscheidungsgrundlage.
Die "Fakten" müssen bewertet werden. Diese Bewertung erfolgt
letztendlich – nach anschaulicher Information durch den Arzt –
durch die Patientin selbst.
Gesundheitsberatung
Ein großer Teil der ambulanten gynäkologisch-geburtshilflichen
Tätigkeit besteht darin, das Verhalten von Patientinnen zu beeinflussen,
um gesundheitliche Risiken zu mindern und ihre Gesundheit zu fördern.
Dabei geht es nicht darum, Ratschläge zu geben, sondern zu motivieren.
Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen durchlaufen Menschen beim Weg
von alten zu neuen Verhaltensweisen typische Stadien, welche sich im Grad
der Veränderungsbereitschaft und Veränderungschance unterscheiden.
In jedem dieser Stadien fallen Menschen in ihre alten Verhaltensweisen
und Gewohnheiten zurück und müssen dann wieder erneut motiviert
werden, in den Veränderungsprozess einzutreten. Drei Mechanismen
scheinen die Motivation zur gesundheitsbezogenen Verhaltensänderung
zu bestimmen: Die Wichtigkeit, die einem veränderten Verhalten beigemessen
wird, das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Verhaltensänderung
sowie die Unterstützung von anderen Personen. Ärzte können
einen Gesprächsstil lernen, der dazu dient, den Patientinnen zu helfen,
die persönliche Wichtigkeit einer Verhaltensänderung zu vertiefen
und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Gleichzeitig können sie
sich als Begleiter zur Verfügung stellen, der den Patientinnen dabei
hilft, aus Schwierigkeiten und Rückfällen zu lernen.
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Johannes Bitzer
Universitätsspital Basel, Frauenklinik
Abteilungsleiter Gyn. Sozialmedizin und Psychosomatik
Spitalstrasse 21, CH-4031 Basel
Tel.: +41-61/265 90-43; Fax: -35
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