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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006

Fortpflanzungsforschung und Fortpflanzungstourismus
Presse-Unterlage von Prof. Klaus Diedrich, Lübeck

Es gibt nur wenige Gebiete in der Medizin, wo in den letzten Jahren die Entwicklung so stürmisch und mit unmittelbaren Vorteilen für Patientinnen verlaufen ist wie in der Reproduktionsmedizin. (Siehe auch Pressetext von Prof. Würfel.) Ziel ist es, mit immer weniger Aufwand ungewollt kinderlosen Paaren zur Geburt eines Kindes zu verhelfen.
Vitrifikation
Die Vitrifikation ist ein neues Verfahren zur Kryokonservierung von Zellen und Geweben. Damit wird die Bildung von Eiskristallen unterbunden. Im Vergleich zur etablierten langsamen Kryokonservierung können hier Zellen und Gewebe viel schonender tiefgefroren werden. Während früher die Schwangerschaftsraten nach Kryotransfer bei etwa 17 Prozent lagen, ist dies heute mit der Vitrifikationsmethode bei 28 Prozent der Fall. Ein wichtiger Bereich ist der Erhalt der Fortpflanzungsfähigkeit nach einer Krebsbehandlung (Bestrahlung oder Chemotherapie), wo für junge Patientinnen generell die Gefahr der Unfruchtbarkeit besteht. Durch die Vitrifikation ist es möglich geworden, auch unreife Eizellen oder Eizellgewebe einzufrieren und diese bei Bedarf aufzutauen, nachreifen zu lassen und zu befruchten. Durch Optimierung der In-Vitro-Reifung können Befruchtungsraten bis 70 Prozent erreicht werden.
Gesundheit der Kinder nach medizinisch unterstützter Fortpflanzung
Die Gesundheit der nach In-vitro-Fertilisation und intrazytoplasmatischer Spermieninjektion (ICSI) geborenen Kinder wird kritisch hinterfragt. Risiken für Komplikationen in der Schwangerschaft und die Gesundheit der Kinder ergeben sich durch viele Einflüsse: bei der ovariellen Stimulation, bei der Präparation der Spermien durch notwendigerweise zugegebene Substanzen, durch Manipulation des Fertilisationsvorgangs und durch die Verwendung von Spermien fruchtbarer Männer mit der Möglichkeit vermehrter genetischer Anomalien. Die verminderte Fertilität (Fruchtbarkeit) an sich ist bereits ein Risikofaktor für Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt. Auch deswegen sind langfristige Studien und wissenschaftliche Bearbeitung der Einflussfaktoren wichtig, um die Sicherheit der assistierten Reproduktion zu überprüfen. Nach neuen Untersuchungen werden bei Kindern nach assistierter Reproduktion häufiger Fehlbildungen gefunden, ebenso ist die Krankheitshäufigkeit zum Zeitpunkt um die Geburt herum erhöht. Im Vergleich zu "normal gezeugten" Kindern sind jedoch diese Risikoerhöhungen statistisch nicht erheblich. Insgesamt entsprechen Gesundheit, mentale und psychomotorische Entwicklung der Kinder nach assistierter Reproduktion denen nach spontaner Konzeption.
Embryoauswahl und Fortpflanzungstourismus
Eine der wesentlichen Anstrengungen zur Optimierung der IVF-Behandlung galt in den letzten zwei Jahrzehnten der Identifizierung und Auswahl jenes Embryos, der das höchste Entwicklungspotential hat und am ehesten zu einer Schwangerschaft führt. Als beste Methode hat sich dazu die morphologische ("äußere") Begutachtung des Embryos durchgesetzt. Embryonen mit hohem Einpflanzungspotential können entsprechend ihrer Entwicklungsgeschwindigkeit und ihres Aussehens identifiziert werden. Im Ausland ist diese Begutachtung Entscheidungsgrundlage für die Auswahl und die Anzahl der Embryonen, die eingepflanzt werden sollen.
Mit dem selektiven Single-Embryo-Transfer werden heute im umliegenden Ausland Schwangerschaftsraten von über 40 Prozent erreicht, bei drastischer Senkung der Mehrlingsrate. In Deutschland ist diese Auswahl für die weitere Embryokultur durch das deutsche Embryonenschutzgesetz verboten. Hierzulande dürfen drei Eizellen befruchtet werden, die dann jedoch auch im Embryonalstadium transferiert werden müssen. Dies führt bei uns zu niedrigeren Schwangerschaftsraten von 28 Prozent pro Embryotransfer und zu einer hohen Mehrlingsrate von über 30 Prozent (siehe dazu Pressetext von Prof. Dudenhausen). So wird in Deutschland in erheblicher Weise die Gesundheit der Mutter und der meist zu früh geborenen Mehrlinge gefährdet. Eine Novellierung des Embryonenschutzgesetzes ist notwendig. Darüber hinaus sollte in diesem Zusammenhang auch eine Änderung der Kostenerstattungsregelung der IVF-Behandlung angestrebt werden, da der gegenwärtig hohe Eigenanteil (ca. 2.000 € pro Zyklus) für viele kinderlose Paare nicht bezahlbar ist.
Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite der Bundespräsident in seiner Eröffnungsansprache sagt: "Unser Land braucht Kinder" und auf der anderen Seite nichts dafür getan wird, die Kinderwunschbehandlung in Deutschland ähnlich erfolgreich zu gestalten wie im umliegenden Ausland. In Belgien zum Beispiel hat man eine weise Lösung gefunden, um Mehrlingsschwangerschaft zu vermeiden und trotzdem eine hohe Schwangerschaftsrate zu erreichen: Die Ärzte haben sich verpflichtet, nur einen Embryo nach In-vitro-Fertilisation und entsprechender Auswahl in die Gebärmutter zu transferieren. Mit dem so eingesparten Geld für die Intensivbehandlung von zu früh geborenen Mehrlingen können unproblematisch die Kosten für die Kinderwunschbehandlung vollständig übernommen werden.
Die denkbar schlechteste Lösung ist die Zunahme des Fortpflanzungstourismus. Da sowohl der selektive Single-Embryo-Transfer als auch die Präimplantationsdiagnostik und die Eizellspende in Deutschland verboten sind, gehen in zunehmendem Maße Patientinnen für die Kinderwunschbehandlung ins Ausland. Zahlenmäßig ist dies nur schwer erfassbar. Da die Kosten für diese Behandlung im Ausland erheblich sind, kann diese Behandlung auch nur von einigen wenigen in Anspruch genommen werden. Darüber hinaus ist gerade in osteuropäischen Behandlungszentren die Qualität der Technik in der Reproduktionsmedizin wenig kontrolliert und nicht mit den deutschen Qualitätsanforderungen vergleichbar. Es kommt dadurch zu einer zusätzlichen Gefährdung unserer Patientinnen.
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Klaus Diedrich
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck
Tel.: 0451/500-2133; Fax: -2139
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