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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006

Das Ungeborene als Patient – Diagnostik und Therapie im Mutterleib
Presse-Unterlage von Prof. B.-J. HACKELÖER, Hamburg

Durch verbesserte Ultraschallgeräte mit höherer Auflösung und durch zunehmende Spezialisierung der Pränatalmediziner hat es in den letzten Jahren Fortschritte bei der pränatalen (= vorgeburtlichen) Diagnostik gegeben. Diese Neuerungen spielen sich im wesentlichen bei den drei Vorsorgeuntersuchungen in der 10., 20. und 30. Schwangerschaftswoche ab.
Bisher war es nicht möglich, dass alle Schwangere unabhängig von ihrem Versicherungsstatus die Möglichkeit einer hoch qualifizierten – über Routineuntersuchungen hinausgehenden – Ultraschalldiagnostik (auch Sonographie genannt) erhalten. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bemüht sich gemeinsam mit anderen Fachgesellschaften dies im Sinne der Schwangeren zu ändern.
Leider erweisen sich jedoch die Krankenkassen und auch die Politik als Blockierer der Verbesserung der Pränataldiagnostik für alle Schwangere.
Einige gesellschaftliche Gruppen befürchten allerdings, dass solche Untersuchungen zu einer zwangsweisen "Selektion" behinderter Kinder (zum Beispiel mit Down-Syndrom) und zur Diskriminierung führen. Die freiwillige Entscheidung der Schwangeren nach entsprechender Aufklärung über das Ausmaß der Pränataldiagnostik ist jedoch für die DGGG und alle Fachleute oberstes Prinzip.
Neue Möglichkeiten – unter anderem durch 3D/4D-Sonografie – gibt es bei der Untersuchung im ersten Trimester (Schwangerschaftsdrittel) zwischen der 11. und 14. Woche): Zusätzlich zur Nackentransparenz und zur Nasenbeindarstellung eröffnen mittlerweile frühe Herzuntersuchungen am Feten (= Ungeborenen) ab der 12. Woche mit Darstellung von Flussbesonderheiten der Herzklappen und der Gefäße neue Möglichkeiten, um Risikokinder zu erkennen. Solche Untersuchungen verlangen aber eine erweiterte spezielle Qualifikation der Diagnostiker mit entsprechender Zertifizierung.
Im 2. Trimester (18-22 Wochen) rücken nach der fetalen Echokardiografie weitere komplexe Organuntersuchungen in den Vordergrund. Begonnen hatte die Sonografie in der Schwangerschaft Ende der sechziger Jahre mit der Darstellung des Kopfdurchmessers. Jetzt wird die spezielle fetale Neurosonografie als neues Gebiet etabliert mit Detaildarstellungen des Gehirns bereits zu diesem frühen Zeitpunkt.
Im letzten Schwangerschaftsdrittel sind zur erweiterten Organdiagnostik hinzu gekommen:
- Gebärmutterhalsuntersuchungen zur Beurteilung des Frühgeburtenrisikos,
- Uterusuntersuchungen zur Narbendarstellung von Schwangeren nach Kaiserschnitten (die zugenommen haben: in Deutschland inzwischen rund 30 Prozent) und zur Risikobeurteilung für nachfolgende Spontangeburten,
- erweiterte Plazenta-, Nabelschnur- und Gefäßdarstellung sowie Ultraschalluntersuchungen während der Geburt, um frühzeitig Einstellungsanomalien zu erkennen,
- unmittelbar nachgeburtliche Untersuchungen, um frühzeitig schwere Plazentastörungen mit potenziell katastrophalen Folgen erkennen zu können, etwa eine in die Gebärmutterwand eingewachsene Plazenta, die zu schwersten Blutungen führen kann und auch heute noch einen Teil der mütterlichen Sterblichkeit um die Geburt ausmacht.
Für die Therapie im Mutterleib (intrauterin) sind die Fortschritte und Neuerungen naturgemäß sehr langsam zu erwarten, da nur durch kontrollierte randomisierte Studien und Nachuntersuchungen der geborenen Kinder der Nutzen nachgewiesen werden kann.
Inzwischen ist der Nutzen für die Laserkoagulation beim feto-fetalen Zwillings-transfusionssyndrom und bei fetalen Tumoren nachgewiesen, ferner bei der Behandlung schwerer Anämien bei verschiedenen kindlichen Krankheitsbildern. Hingegen hat sich heraus gestellt, dass die intrauterine Therapie von Harnwegsfehlbildungen nicht erfolgreich ist.
Die Verbesserung der Ultraschallgeräte ermöglicht mitunter auch eine schonendere Untersuchung und/oder Behandlung von Krankheiten des Ungeborenen. Um eine Anämie festzustellen, muss heute nicht mehr die risikobeladene Fruchtwasserpunktion eingesetzt werden; an ihre Stelle ist die nicht invasive Dopplersonographie getreten.
Noch im Nachweisstadium befindet sich die durch ein Endoskop vorgenommene Balloneinlage in die fetale Luftröhre zur Erzeugung einer künstlichen Lungenvergrößerung bei fetalen Zwerchfelldefekten mit Organverlagerung in den Brustraum und nachfolgender Lungenverkleinerung, ferner die intrauterine Entdeckung von Defekten der Wirbelsäule und die Ballondilatation und Klappensprengung bei speziellen Herzfehlern. Hier sind die Fallzahlen sehr klein; somit ist es noch offen, wie die Langzeiterfolge aussehen. Erfolgsansätze sind jedoch vorhanden über verbesserte Ultraschall-Bildgebung und verbesserte OP-Techniken.
Neuerungen gehen Hand in Hand mit verbesserter – und konzentrierterer – Pränataldiagnostik sowie der lange überfälligen Strukturierung und Diversifizierung der großen Ausbildungskliniken in moderne "Geburtshilflich-Pränatale Zentren" einerseits und "Gynäkologisch-Senologische Zentren" andrerseits.
Ansprechpartner:
Prof.Dr. Bernhard-Joachim Hackelöer
Chefarzt der Abt. Geburtshilfe und Pränatalmedizin
Asklepios Klinik Barmbek
Rübenkamp 220, 22291 Hamburg
Tel.: 040/181 882-1841; Fax: -1849
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