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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006
"Vogel Strauß" hat ausgedient – Wie
Frauenärzte Fehler verringern können
Presse-Unterlage von Prof. Norbert PATEISKY, Wien
We can not change the human condition,
but we can change the conditions under which humans work.
James Reason, Fehlerforscher
Ein Jungarzt soll einem Patienten ein Antibiotikum
in die Vene verabreichen. Am Bett des Patienten findet er auf dem Nachttisch
eine Spritze mit einer gelben Flüssigkeit vor. Er verabreicht das
dem Patienten. Kurz darauf geht es dem Patienten schlecht. Esstellt sich
heraus, dass die Flüssigkeit in der Spritze Massageöl war, das
von derphysikalischen Assistentin für die geplante Massage vorbereitet
war.
Eine Schwester verabreicht die für den Patienten
zubereitete Nährlösung intravenös. Die Lösung war
für die Gabe über die Magensonde gedacht – der Patient
verstirbt,die Schwester begeht Selbsttötung.
Eine schwangere Patientin mit schlechten Deutschkenntnissen
und schwierig aus-zusprechendem Namen glaubt, dass Sie aufgerufen wurde
und betritt als Nächste den Ambulanzraum. Sie erhält die Behandlung
der eigentlich aufgerufenen Patientin – Einleitung der Geburt mittels
Medikamenten – und erleidet in der Folge eine Frühgeburt.
Vergessene Tupfer, fälschlich amputierte Gliedmassen,
zehnfache Dosierungen starker Medikamente, verwechselte Patienten –
die Horrorvision von Patienten, Ärzten, Krankenhausträgern und
Versicherungen, dramatische und gleichzeitig überaus medienwirksame
Ereignisse. Ereignisse, die auf den ersten Blick so aussehen, als wären
hier besonders schlechte Ärzte und Schwestern am Werk gewesen. Geht
man aber den wahren Ursachen auf den Grund, sind es lange Fehlerketten,
die dem Unglück vorausgehen und an deren Ende jeweils ein Mensch
steht. Fehlerketten, die als Systemschwächen bezeichnet
werden müssen.
Vogel-Strauß-Politik, Sündenbockkultur und mangelnder
Mut, die Fakten anzusprechen, haben bislang den Einsatz nachweislich erfolgreicher
Strategien verhindert.
Was zur größtmöglichen Verminderung von
Katastrophen seit 30 Jahren in der Luftfahrt, seit mehr als zehn Jahren
in Krankenhäusern des angloamerikanischen Raumes und seit gut fünf
Jahren in Nordeuropa erfolgreich zum Einsatz kommt, findet jetzt langsam
auch im mitteleuropäischen Raum seinen Platz: das anonymen Fehlermeldesystem
CIRS (Critical Incident Reporting System).
Die Prinzipien von CIRS stammen ursprünglich aus der
US-amerikanischen Flugsicherheit. Sie beruhen auf der freiwilligen und
anonymen Meldung (also ohne, dass eine Strafe droht) von kritischen Situationen
– ob reale Zwischenfälle oder auch nur "Beinahe-Ereignisse".
Auf diese Weise können Korrekturen im System vorgenommen werden,
um so künftig Fehler möglichst zu vermeiden. CIRS ist somit
ein zentrales Element des Risiko- und Qualitätsmanagements.
Vor mehr als zehn Jahren wurde CIRS in Australien erstmals
in das medizinische Qualitätsmanagement übernommen. Inzwischen
wird CIRS auch in Krankenhäusern deutschsprachiger Länder angewendet.
Die Gynäkologen sind dabei den meisten anderen Fachgebieten weit
voraus.
Die Universtäts-Frauenklinik Wien mit ihrer vor drei
Jahren gegründeten eigenen Abteilung für „klinisches Risikomanagement“
gehört hier zu den Vorreitern. Diese Abteilung adaptiert die erfolgreichen
Strategien der Luftfahrt an die Bedürfnisse der Medizin.
Das Herunterspielen von kritischen Ereignissen ist der
falsche Weg. Funktionieren kann das Ganze aber nur dann, wenn es alle
gemeinsam schaffen, die bislang herrschende Sündenbockkultur zu eliminieren.
Die wichtigste Botschaft lautet:
Es arbeiten starke Menschen in schwachen Systemen –
und nicht umgekehrt!
Einzelne zum Sündenbock zu machen ist nicht nur falsch,
sondern kontraproduktiv. Will man Beispiele wie die eingangs erwähnten
nachhaltig reduzieren, ist ein Paradigmenwechsel in den obersten Etagen
unumgänglich. Dazu gehören:
° Beachtung menschlicher Leistungsgrenzen
° effektive Kommunikation
° Teamarbeit und Teamtraining
Vergleiche mit Spitzensport sind erlaubt und erwünscht –
oder kennen Sie einen Fußballverein, der nicht trainiert?
Ansprechpartner:
Univ. Prof. Dr. Norbert Pateisky
Leiter der Abteilung Klinisches Risikomanagement
Universitäts-Frauenklinik
Währinger Gürtel 18-20, A-1090 Wien
Tel. (mobil): +43-664/25 25 866
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