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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006
Was stimmt den nun bei der Hormonersatztherapie
Presse-Unterlage von Dr. Katrin SCHAUDIG, Hamburg
Bis vor einigen Jahren erhielten Frauen von fast allen
Frauenärztinnen und-ärzten Hormon-Medikamente gegen die Beschwerden
während der Wechseljahre und danach. Frauenärzte waren überzeugt,
dies in großem Umfang und bedenkenlos tun zu können. Die allgemeine
Überzeugung war, damit nicht zu schaden, sondern den Patientinnen
zu helfen, sich wohler, fitter und vitaler zu fühlten. Mindestens
ebenso wichtig waren – nach dem damaligen Wissensstand – die
positiven Langzeiteffekte zur Vorbeugung der Osteoporose ("Knochenbrüchigkeit")
und die Herz-Kreislauf- sowie Gehirngesundheit.
Aufgrund neuer Studienergebnisse der vergangenen fünf Jahre hat sich
die Situation deutlich verändert. Dabei kam heraus, dass die Gabe
von Hormonen in der Menopause (= Wechseljahre) eine Reihe von Risiken
birgt und dass der vermutete Nutzen zumindest teilweise in Frage steht.
Der Einsatz von Hormonen muss bei jeder einzelnen Patientin sorgfältig
abgewogen werden.
Die Empfehlung heute heißt: Hormone nur bei starken, die Lebensqualität
nachhaltig einschränkenden Wechseljahrsbeschwerden und möglichst
kurzfristig verabreichen.
Die aktuelle Datenlage
Frauen, denen nicht die Gebärmutter entfernt werden musste, erhielten
(und erhalten in sorgfältig ausgewählten Fällen noch) eine
Kombination von Östrogenen und Gestagenen. Inzwischen ist davon auszugehen,
dass dies bei langfristiger Anwendung zu einer Erhöhung des Brustkrebsrisikos
führen kann. Die Gefahr, ein gefährliches Blutgerinnsel zu entwickeln
(Thromboembolie) ist bei Einnahme von Hormonen mindestens doppelt so hoch.
Das ist eines der Ergebnisse der wichtigsten neuen Studie, "Women's
Health Initiative" (WHI). Patientinnen mit kombinierter Östrogen-Gestagen-Therapie
erlitten ferner etwas mehr Herzinfarkte und Schlaganfälle als Frauen,
die keine Hormone einnahmen.
Anders stellt sich die Situation für Frauen dar, die keine Gebärmutter
mehr haben und deswegen mit Östrogenen allein behandelt werden können.
Die Östrogenmonotherapie ist nach derzeitigem Kenntnisstand mit keinem
oder nur minimal erhöhtem Brustkrebs- oder Herzinfarktrisiko verbunden.
Thromboembolien und Schlaganfälle waren allerdings auch hier häufiger.
Unumstritten und durch die WHI-Studie eindeutig belegt ist der schützende
Effekt beider Formen der Hormonersatztherapie auf die Knochen. Unter Hormonersatztherapie
erleiden Frauen deutlich weniger Hüftbrüche, insgesamt ist die
Osteoporosegefahr niedriger.
Das Herz-Kreislaufdilemma
Lange Zeit war man aufgrund der wissenschaftlichen Datenlage von einem
Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfällen durch Hormontherapie ausgegangen.
Die WHI-Studie stellte diese Behauptung zunächst auf den Kopf. Mittlerweile
gibt es aber in dieser Hinsicht Kritik an den WHI-Daten: Die untersuchten
Frauen waren im Durchschnitt zu alt, um eine klare Aussage über eine
präventive Wirkung der Hormone auf das Gefäßsystem machen
zu können. Und bei Aufschlüsselung der Daten ergab sich, dass
die jüngeren Frauen möglicherweise eben doch einen Schutz vor
Infarkt durch die Hormone hatten. Derzeit laufen weitere Studien zur Klärung
dieser nach wie vor offenen Frage.
Ferner haben neuere Studien ergeben, dass die Anwendung von Östrogenen
statt in Pillenform über die Haut (als Pflaster oder Gel) vermutlich
nicht mit einer erhöhten Thrombosegefahr einhergeht.
Konsequenzen für die Praxis
Ein Drittel der Frauen leidet unter sehr schwerwiegenden Wechseljahrsbeschwerden,
die ein therapeutisches Eingreifen dringend erfordern, ein weiteres Drittel
der Frauen fühlt sich durch die Beschwerden im täglichen Leben
stark eingeschränkt und möchte ebenfalls – zumindest vorübergehend
– behandelt werden. Nur etwa 30 bis 40 Prozent der Patientinnen
erlebt die "Lebensphase des Wechsels" mit gut erträglichen
oder allenfalls geringen Symptomen. Dass heute die Indikation für
eine Hormontherapie in den Wechseljahren sehr sorgfältig abgewogen
werden muss, ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Die teils
militante Ablehnung von "Hormonen" generell übersieht aber
jene Frauen, die unter ihren klimakterischen Beschwerden heftig leiden.
Zur sorgfältigen Abwägung gehören nicht
nur eventuelle bestehende medizinische Risiken, sondern auch der subjektive
Leidensdruck der einzelnen Patientin. Nicht zuletzt hängt es –
ob man dies für gerechtfertigt hält oder nicht – auch
vom sozialen und beruflichen Umfeld der Patientin ab, ob sich eine verringerte
Leistungsfähigkeit mit den Anforderungen ihres täglichen Lebens
in Einklang bringen lässt. Eine detaillierte Beratung mit genauer
und verständlicher Schilderung der potenziellen Risiken einer (möglichst
kurzen) Hormonersatztherapie unter Berücksichtigung des Risikoprofils
der Patientin ist unabdingbar. Bei einer Entscheidung für die Hormontherapie
während der Wechseljahre ist indessen eine besonders engmaschige
Untersuchung der Frau – zum Beispiel auf Brustkrebs – ebenfalls
unverzichtbar.
Der Kongress 2006 der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie
und Geburtshilfe steht unter dem Motto: "Frauen – Medizin –
Kommunikation". Dies beinhaltet vor allem die Erkenntnis, dass Frauen
gut informiert sind oder werden müssen und – nach offener Beratung
– selbst entscheiden wollen. Dies gilt auch für die Hormontherapie
und die Frage, wie relevant eine Patientin die Risikoerhöhung für
sich einschätzt oder welches Risiko sie um einer besseren Lebensqualität
willen einzugehen bereit ist.
Ansprechpartnerin:
Dr.med. Katrin Schaudig
Praxisgemeinschaft für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
Altonaer Straße 59, 20357 Hamburg
Tel.: (040) 30 68 36-0; Fax: -6
Mail
Ein ausführlicher Beitrag zu diesem Thema von
Dr. Karin Schaudig findet sichin der Zeitschrift "Frauenarzt",
Nr. 5/2006.
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