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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006
Krebsdiagnostik und -behandlung werden immer individueller
Presse-Unterlagevon Prof. Rita K. SCHMUTZLER, Köln
Im letzten Jahrzehnt gab es bahnbrechende wissenschaftliche
Erkenntnisse mit weitreichenden Folgen für die Vorbeugung, Diagnostik
und Behandlung von Krebskrankheiten, auch in der Gynäkologie. Die
Fortschritte beruhen im Wesentlichen auf der Genomforschung. Die Erkenntnisse
deuten darauf hin, dass jeder Tumor spezielle genetische Veränderungen
aufweist. Dies eröffnet die Möglichkeit, die medikamentöse
Behandlung gezielt auf den einzelnen Patienten auszurichten. Das neue
Gebiet der "prädiktiven, präventiven und personalisierten
Medizin" bietet höchst hoffnungsvolle Aussichten im "Kampf
gegen den Krebs". Allerdings birgt es auch ethische und rechtliche
Probleme.
* Es wurden Risikogene identifiziert, die zu neuen klinischen
risiko-angepassten Präventionskonzepten führten. So wurden zum
Beispiel nach der Entdeckung der Hochrisikogenen BRCA1 und BRCA2 für
den Brust- und Eierstockkrebs in Deutschland zwöl interdiszplinäre
Zentren mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe aufgebaut, die
den betroffenen Frauen ein umfassendes Präventionskonzept anbieten.
* Durch detaillierte Kenntnisse über molekulare Signalübertragungswege,
die eine zentrale Rolle in der Tumorentstehung spielen, wurden Moleküle
identifiziert, die einer therapeutischen Intervention zugänglich
sind. Ein Beispiel in der gynäkologischen Onkologie ist die gezielte
Antikörpertherapie mit Herceptin bei Tumoren, die das als Wachstumsfaktor
wirkende Onkogen "Her2/neu" verstärkt produzieren. Zwischenzeitlich
werden solche, auf spezifische Krebszellen ausgerichtete und nebenwirkungsarme
Mittel erfolgreich bei einer Reihe von Tumoren angewendet. Eine große
Anzahl weiterer kleiner Moleküle ist derzeit in der vorklinischen
beziehungsweise klinischen Prüfung.
* Schon lange ist bekannt, dass Menschen sehr unterschiedlich
auf Medikamente reagieren. In der Vergangenheit konnte die individuell
optimale Dosis häufig nur durch Erprobung und unter Inkaufnahme (teils
schwerwiegender) unerwünschter Wirkungen gefunden werden. Das neue
Gebiet der Pharmakogenetik beschäftigt sich mit der Identifikation
genetischer Varianten, die eine Vorhersage über das Therapieansprechen
und somit eine individuelle Dosisanpassung unter Vermeidung umerwünschter
Wirkungen erlauben. Hierbei geht es vor allem um angeborene Varianten
im Erbgut.
* Ein weiterer Therapie-relevanter Aspekt betrifft die
Identifikation genetischer Signaturen (Fingerabdruck) im Tumorgewebe selbst,
die einen Einfluss auf das Ansprechen des Tumors auf spezifische Therapeutika
haben. Solche prädiktiven Gensignaturen werden derzeit für verschiedene
Chemotherapieregime gesucht oder bereits erprobt. Dies erlaubt zukünftig
eine gezieltere und effizientere Chemotherapie.
* Die bisherigen Ergebnisse auf dem Gebiet der prädiktiven
Gendiagnostik deuten darauf hin, dass jeder Tumor ein individuelles Muster
genetischer Alterationen aufweist. Durch die Einführung vieler kleiner
Moleküle in die Krebsbehandlung ist zu erwarten, dass zukünftig
für jeden Tumor ein individueller “Cocktail” molekular
wirksamer Substanzen zusammengestellt werden kann (Multi-Target-Therapie).
Dieses Konzept wird die onkologische Therapie revolutionieren und die
Tumoren, wenn nicht heilen, so doch langfristig unter Kontrolle halten.
Diese Entwicklungen haben ein neues Gebiet der prädiktiven, präventiven
und personalisierten (PPP)-Medizin definiert. Die PPP-Medizin (auch prospektive
Medizin genannt) ist die innovativste und hoffnungsvollste Perspektive
für die Tumorprävention und -therapie. Sie geht aber auch mit
neuen Risiken und Herausforderungen einher.
° Die Entdeckung prädisponierender Krankheitsgene birgt das Risiko
unfreiwilliger Informationen über individuelle Veranlagungen mit
allen ethischen und rechtlichen Implikationen.
° Es ist bereits jetzt abzusehen, dass die Multi-Target-Therapie unter
Berücksichtigung der derzeitigen Kosten dieser neuen Substanzgruppen
die Kostensteigerung des Gesundheitswesens weiter vorantreiben wird. Hier
ist eine intensive, sektorenübergreifende Zusammenarbeit unter Einbeziehung
der Kostenträger und der forschenden Pharmaindustrie zur Definition
gemeinsamer Zielsetzungen und mit Berücksichtigung gesundheitsökonomischer
Aspekte erforderlich.
Ansprechpartnerin:
Prof. Dr.med. Rita Schmutzler
Universitäts-Frauenklinik
Abt. Molekulare Gynäko-Onkologie
Stiftungsprofessorin der Deutschen Krebshilfe
Kerpener Straße 34, 50931 Köln
Tel.: 0221/478 86-509; Fax: -510Mail
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