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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006

Fortschritte der Fortpflanzungsmedizin
Presse-Unterlage von Prof. Wolfgang Würfel, München

Zu den Hauptproblemen der modernen Hilfe für Paare, die sich ein Kind wünschen, gehört die erhöhte Rate an Mehrlingsschwangerschaften. Dies liegt daran, dass bei "künstlicher Befruchtung" der Eisprung der Frau hormonell angeregt werden muss. Andere Probleme tauchen im Rahmen der Fortpflanzungsmedizin bei Frauen auf, die an bestimmten Grunderkrankungen (wie zu hoher Insulinspiegel oder einer speziellen Krankheit der Eierstöcke) leiden. Generell schwierig ist es auch, Frauen zu helfen, die bereits mehrfach Fehlgeburten hinnehmen mussten. Zu allen diesen Fragen sind medizinische Fortschritte in Sicht oder werden bereits eingesetzt. Diskutiert wird ferner immer noch die Frage, ob und in welchen Fällen eine Untersuchung des Erbguts vor Einpflanzung einer befruchteten Eizelle sinnvoll und zulässig ist.
Hormonelle Stimulation
Die noch unfertige Eizelle im Eierstock (Follikel) wird bei "künstlicher Befruchtung" zur Reifung angeregt. Dafür sind natürlicherweise Hormone aus der Gruppe der "Gonado-tropine" zuständig. Um einen vorzeitigen Eisprung zu verhindern, wird dieser Prozess mit Substanzen gesteuert, die Andockstellen für das Follikel stimulierende oder Gonadotropin freisetzende Hormon (GnRH) blocken. Diese GnRH-Agonisten erfordern allerdings meistens eine aufwendige Vorbehandlung.
Inzwischen werden Gegenspieler der Agonisten, GnRH-Antagonisten eingesetzt, die erst kurz vor dem Eisprung gegeben werden müssen und es erlauben, die hormonelle Stimulation noch individueller zu gestalten.
Immerhin müssen Gonadotropine nur noch einmal täglich in die Haut gespritzt werden. Noch besser wäre es jedoch, mit länger anhaltenden Mitteln die tägliche Gabe ganz zu vermeiden. Solche lang wirkenden Gonadotropine werden derzeit klinisch erprobt.
Heranreifung von Eizellen außerhalb des Körpers
Bei der In-vitro-Maturation (IVM) werden Eizellen absichtlich zu früh entnommen und "im Glas" nachgereift. Anschließend werden Samenzellen in die Eihülle injiziert (Methode "ICSI"). So entfällt eine länger dauernde hormonelle Stimulationsbehandlung. Davon profitieren vor allem auch Patientinnen, die auf hormonellen Stimulationsbehandlung überreagieren, was teils bedrohliche Folgen haben kann. Dies trifft vor allem auf Frauen mit "polyzystischen Ovarien" (mehrere flüssigkeitsgefüllte "Bläschen" an den Eierstöcken, ausbleibende Monatsblutung etc.) zu. Die Schwangerschaftsraten der IVM reichen an die einer herkömmlichen Befruchtung im Reagenzglas (IVF) oder einer ICSI heran. Über eine Erhöhung der Fehlbildungsraten ist nichts bekannt.
Längere Kultivierung
Embryonen können heute mit Hilfe moderner Kulturmedien länger als früher außerhalb des Körpers kultiviert werden – bis zum Stadium der Blastozyste. Dann ist die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft deutlich höher als zum Beispiel bei einem 4-Zeller am Tag 2. Gleichwohl ist der Schwangerschaftseintritt keineswegs sicher. Insofern vermag die Methode derzeit vor allem jene Embryonen zu identifizieren, die kein Entwicklungspotential besitzen. Grundsätzlich aber bietet die Methode wahrscheinlich die Möglichkeit, die Zahl der zu transferierenden Embryonen auf ein bis zwei zu begrenzen, ohne dass die Schwangerschaftsraten pro Zyklus abnehmen. Dies wäre ein großer Fortschritt zur Verringerung hoher Mehrlingsraten. (Siehe auch Presseunterlage von Prof. Dietrich). Zunächst muss jedoch noch endgültig sicher gestellt werden, dass es bei der längeren Kultur keine erhöhte Fehlbildungsrate gibt.
Gestörter Insulinstoffwechsel
Im Gegensatz zu Diabetikern ist bei Menschen mit "Insulinresistenz" zwar der Blutzuckerspiegel oft normal; um das zu erreichen, benötigen letztere jedoch ungewöhnlich hohe Insulinspiegel. Hohe Insulinspiegel führen aber bei Frauen zu einer Störung der Eizellreifung. In Tablettenform einzunehmende Antidiabetika wie zum Beispiel "Metformin" haben den Effekt, den hohen Insulinspiegel zu reduzieren. Die Gabe von derartigen Insulinsensitizern bewirkt, jedenfalls in manchen Fällen, eine Normalisierung des Zyklusgeschehens. Weitere Medikamente dieser Art – gerade auch zum Einsatz in der Fortpflanzungsmedizin – werden derzeit erprobt.
Wiederholte Frühgeburten
Die meisten klinischen Aborte sind genetisch bedingt. Wo es keine erbliche Ursachen gibt, können Stoffwechseldefekte und Gerinnungsstörungen wiederholte Früh- und Fehlgeburten und auch komplizierte Schwangerschaftsverläufe auslösen. Auch der Einfluss des körpereigenen Abwehrsystems wird immer klarer. Bestimmte Fehlsteuerungen können mittlerweile diagnostiziert werden, und entsprechende Medikamente (wie etwa Immunglobuline) zeigen eine gute bis sehr gute Wirksamkeit. Bei entsprechender Diagnostik und Therapie können Patientinnen – unabhängig von der Zahl der früheren Fehlgeburten – damit rechnen, dass pro begonnener Schwangerschaft diese in etwa 70 bis 80 Prozent mit der Geburt eines Kindes beendet wird.
Genetische Untersuchung von Eizellen und Embryonen
Vor der Befruchtung kann eine Eizelle, vor der Einpflanzung kann ein Embryo mittels Präimplantations-Diagnostik (PID) auf Erbgutschäden untersucht werden. Die PID ist derzeit in Deutschland nicht explizit gestattet. Da mit zunehmendem Alter der Frau Chromosomenfehlverteilungen in den Eizellen deutlich zunehmen, wird die PID im Ausland dazu angewandt, Embryonen mit derart schwerwiegenden Störungen nicht zu transferieren.
Eine Erhöhung der Schwangerschaftsrate nach PID ist – obwohl theoretisch zu erwarten – bisher nicht belegt. Dies hat möglicherweise mit Minischäden am Embryo durch die Zellentnahme zu tun.
Bei der Polkörperdiagnostik hingegen verwendet man ein „Abfallprodukt“ der Eizellbildung, nämlich die Polkörper, die dadurch entstehen, dass die Eizelle während der Reifung ihren normalen Chromosomensatz (46 XX) auf 23 X reduzieren muss, um befruchtungsfähig zu werden. Derzeitiger Stand der Polkörperdiagnostik ist, dass bei über 40-jährigen Frauen eine Reduktion der Rate an Fehlgeburten erreicht werden kann, bei den unter 40-jährigen wahrscheinlich auch eine Erhöhung der Schwangerschaftsrate. Es gibt jedoch Probleme: Das Embryonenschutzgesetz sieht bislang ein Zeitfenster für solche Untersuchungen vor; in diesem engen Zeitraum können nicht alle 23 Chromosomen dargestellt werden.
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Wolfgang Würfel
Kinderwunschzentrum München-Pasing
Lortzingstraße 26, 81241 München
Tel.: (089) 244 144-0; Fax: -41
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