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56. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Berlin, ICC, 19. bis 22. September 2006

Gebärmutterhalskrebs – eine Infektionskrankheit
Presse-Unterlage von Prof. Harald zur Hausen, Heidelberg

Von der Vermutung zum Beweis
Bereits 1942 entdeckte der italienische Arzt und Forscher Domenico Antonio Rigoni-Stern bei einer Untersuchung des Sterberegisters von Verona, dass Prostituierte überdurchschnittlich häufig von Gebärmutterhalskrebs heimgesucht werden, andererseits jedoch das Klosterleben Nonnen vor dieser Krebserkrankung zu schützen scheint. Rigoni-Stern folgerte daraus, dass es sich bei diesem Krebs um eine Art sexuell übertragbarer Krankheit handeln müsse. In der Folge waren praktisch alle bekannten Erreger von Geschlechtskrankheiten auf diesen Verdacht hin untersucht worden – ohne überzeugende Ergebnisse.
Ende der sechziger Jahre kamen die Viren ins Spiel: In meiner Arbeitsgruppe zum Beispiel gelang es erstmals, aus frischem Tumormaterial beim Burkitt-Lymphom und bei einem bestimmten Krebs des Nasen-Rachen-Raums das Erbgut des Epstein-Barr-Virus zu isolieren. Das brachte uns dazu, auch bei anderen Krebserkrankungen nach einem Zusammenhang mit Viren zu forschen. Aufgrund epidemiologischer Daten bot sich der Gebärmutterhalskrebs an. Nachdem sich ein zuvor in den USA postulierter Zusammenhang mit dem Herpes-simplex-Typ2-Virus als unzutreffend herausgestellt hatte, kamen wir auf die Spur der Papillomaviren: Immer wieder fanden sich in der Literatur Berichte darüber, dass gelegentlich, sehr selten, Genitalwarzen bösartig entarten können. Als Erreger von Warzen war schon damals das humane Papillomvirus, HPV, bekannt.
1972 begannen wir daher, Viruspartikel aus Hand- und Fußwarzen in Hybridisierungsexperimenten mit der DNA aus Tumoren zu untersuchen. Erste Ergebnisse erbrachten jedoch keinerlei Reaktion mit Proben von Gebärmutterhalskrebs. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass es mehrere verschiedene Typen von HPV-Viren gibt, die sich in der Basensequenz ihres Erbguts unterscheiden. Diesen Beweis erbrachte mein damaliger Doktorand Lutz Gissmann erstmals 1976.
Aber auch nachdem wir die für Genitalwarzen typischen HPV-Typen identifiziert hatten, konnten wir deren Erbgut lange Zeit nicht bei Gebärmutterhalskrebs nachweisen. Erst in den Jahren 1982 bzw. 1983 gelang es zwei Doktoranden aus meiner Abteilung, Matthias Dürst und Michael Boshart, aus Tumormaterial die häufigsten Krebs erregenden Papillomavirustypen HPV16 und HPV18 zu isolieren. Das Erbgut dieser beiden Viren fanden wir im Folgenden in rund siebzig Prozent aller Gewebeproben von Gebärmutterhalskrebs.
1985 wies Elisabeth Schwarz in meinem Labor nach, dass bei Gebärmutterhalskrebs die HPV-DNA auf charakteristische Weise ins Erbgut der Zelle eingebaut wird und dass zwei Gene des Virus, E6 und E7, in den Zellen des Gebärmutterhalses aktiv sind. Wie mein Mitarbeiter Magnus von Knebel Doeberitz kurz darauf zeigte, ist die Aktivität dieser beiden Gene in der Tat für das bösartige Wachstum der Krebszellen verantwortlich. Parallel dazu fand Frank Rösl in unserem Labor eine Erklärung dafür, warum manche HPV-infizierten Gebärmutterhalszellen trotz der Anwesenheit von E6 und E7 nicht bösartig entarten: Hier kann die Zelle die Aktivität dieser Gene unterdrücken, ein Schutzmechanismus, der in Krebszellen verloren gegangen ist.
Inzwischen wissen wir, wie komplex die Kontrollmechanismen sind, die in der Zelle Aktivität und Funktion der viralen Gene regulieren. Deswegen verstehen wir heute auch, warum Gebärmutterhalskrebs nur eine seltene Folge dieser ungemein häufigen Virusinfektion ist. Daher muss eine Infektion mit HPV16 und HPV18 für Frauen zunächst noch kein akutes Alarmsignal darstellen.
Ansprechpartner: Mail:
Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Dr. h.c. mult. Harald zur Hausen
ehemaliger Wissenschaftlicher Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums
Sekretriat: Gudrun Küthe
Deutsches Krebsforschungszentrum
Im Neuenheimer Feld 242, ATV 0.102, 69120 Heidelberg
Tel.: 06221/42-4804 Fax: -4809
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