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57. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie
und Geburtshilfe
Hamburg (CCH) 16. bis 19. September 2008
Gesundheit und Krankheit werden bereits im Mutterleib geprägt
Pressetext von Prof. E. Beinder, Zürich
Die gesundheitliche Entwicklung des Menschen wird schon im Mutterleib
vorherbestimmt. Denn auch wenn dies immer wieder behauptet wird: Erbanlagen,
Umwelteinflüsse und Lebensstil können die Entstehung von zum
Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Zuckerkrankheit nicht alleine
erklären. Störungen in der vorgeburtlichen Entwicklung spielen
ebenfalls eine Rolle. Zu wichtigen Teilen ist also schon hier eine Vorbeugung
möglich.
Die großen Volkskrankheiten Diabetes mellitus Typ 2, koronare
Herzkrankheit, Schlaganfall, Osteoporose, Bluthochdruck und metabolisches
Syndrom (Kombination aus Hypertonie, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen)
nehmen weltweit epidemieartig zu. Molekularepidemiologische Untersuchungen
zeigen, dass diese Zunahme nicht mit Veränderungen in der Erbsubstanz
allein erklärt werden kann. Auch veränderter Lebensstil und
schädliche Umwelteinflüsse sind nach heutigem Verständnis
nicht allein für die Zunahme dieser Erkrankungen verantwortlich.
Rauchen, Bewegungsmangel, fettreiches Essen und Stress sind zwar Risikofaktoren,
dennoch unterscheiden sich Volksgruppen trotz ähnlicher Kalorienzufuhr
und körperlicher Aktivität erheblich in der Häufigkeit
des Auftretens eines metabolischen Syndroms.
Epidemiologische Beobachtungen und Tierexperimente machen es sehr wahrscheinlich,
dass Störungen während der Fetalzeit und der Neugeborenenperiode
entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit im späteren Leben haben.
Erklärt werden kann dieser Zusammenhang mit dem Phänomen der
"Prägung": Schlüsselreize führen – wenn
sie auf ein in der Entwicklung formbares System treffen – zu einem
Lerneffekt, der dauerhaft und unumkehrbar in das Verhaltens- oder Funktionsrepertoire
aufgenommen wird. Zum Beispiel eine Mangel- oder Fehlernährung und
übergroßer Stress der Mutter in der Schwangerschaft, die Unterversorgung
des Feten aufgrund einer plazentaren Störung oder eine Überernährung
des Neugeborenen können hormonelle, nervale und immunologische Regelkreise
in kritischen Zeitphasen der Entwicklung stören und somit fehlprogrammieren.
Auf molekularer Ebene kommt es durch diese Störungen zu DNA-Modifikationen,
die die Nutzung (Expression) der Gene verändert und dadurch zu einer
permanenten Änderung der Krankheitsanfälligkeit des betroffenen
Menschen führt. Diese epigenetischen, also nicht die DNA-Sequenz
betreffenden Veränderungen haben lebenslange und ireparable Folgen
und können sich, ähnlich wie Mutationen im Genom, über
Generationen fortpflanzen.
Es ist derzeit zwar unklar, welchen Anteil die pränatale
Prägung an der Entstehung von Krankheiten im späteren Leben
hat. Ob die Würfel für die spätere Gesundheit im Mutterleib
fallen, wie es die Zeitschrift Newsweek schon im Jahr 1999 formuliert
hatte und wie hoch der Einfluss von Lebensstil und Umwelt in diesem Zusammenspiel
ausfällt, ist noch nicht endgültig geklärt. Die Forschung
beschäftigt sich derzeit damit, herauszufinden, welche Einflüsse
während der Schwangerschaft nachteilige Folgen für den Feten
haben, welche Phase der Schwangerschaft kritisch für die fetale Prägung
ist und wie das Ausmaß der Störung gemessen werden kann. Ferner
wird derzeit intensiv untersucht, welche Erkrankungen pränatal
geprägt oder beeinflusst werden können: Neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen
und Diabetes mellitus ist in epidemiologischen Untersuchungen ein Zusammenhang
von Störungen in der Fetalzeit mit Brustkrebs, Schizophrenie und
Autoimmunerkrankungen nachweisbar.
Doch wenn auch noch viele Fragen offen sind, haben die bisherigen
Befunde der fetalen Prägung bereits jetzt wichtige Folgen für
die heutige Medizin:
* Es wird zunehmend deutlich, dass die Fetalzeit kein autonomes Abspulen
des genetischen Programms ist, sondern ein außerordentlich wichtiger
und störanfälliger Lebensabschnitt eines jeden Menschen. Der
Gesundheitsberatung der Schwangeren zu Themen wie Ernährung, Sport,
Rauchen und Alkohol sowie zu eventuellen beruflichen Belastungen muss
in der Zukunft eine noch größere Bedeutung zukommen. Mütterliche
Erkrankungen in der Schwangerschaft, wie ein Schwangerschaftsdiabetes
oder die arterielle Hypertonie, müssen konsequenter behandelt werden.
* Die Gesundheitspolitik sollte Herz-Kreislauf- und metabolische Erkrankungen
in einem lebenslangen Zusammenhang von der Schwangerschaft bis zum hohen
Alter sehen: Der Aufklärung und Gesundheitsberatung von Eltern mit
einem Kind nach gestörter Schwangerschaft wird ein ganz neues Gewicht
zukommen. Dies erlaubt eine sehr frühe und dadurch hoffentlich besonders
effektive Vorbeugung und langfristig möglicherweise weniger Fälle
von Diabetes Typ 2, Arteriosklerose und deren Folgeerkrankungen.
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Ernst Beinder
Universitätsspital Zürich, Department Frauenheilkunde
Frauenklinikstrasse 10, CH 8091 Zürich
Tel.: 0041-44/255-1111
Mail
Pressekontakt:
MWM-Vermittlung
Kirchweg 3 B, 14129 Berlin
Fax: 030/803 96-87
Mail
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