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57. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Hamburg (CCH) 16. bis 19. September 2008


Molekulare Medizin in der Geburtshilfe – Fluch oder Verheißung?
Pressetext Prof. J.W. Dudenhausen, Berlin


Die Molekulare Medizin gehört zu den herausragenden wissenschaftlichen Leistungen des beginnenden 21. Jahrhunderts. Für Mutter und Kind haben sich bereits neue Strategien in Diagnostik und Therapie ergeben. Wird die Veranlagung zu einer späteren Krankheit früh erkannt, ist jedoch der praktische Nutzen oft ungewiss. Unübersehbar sind auch die Ängste vor einer Manipulierbarkeit des Menschen. Zwar versucht die Politik, mit dem Gendiagnostikgesetz dieser Brisanz Rechnung zu tragen, eine sachliche gesellschaftliche Diskussion kann dies jedoch nicht ersetzen. Und die Medizin selbst muss mehr denn je neben wissenschaftlichen die ethischen Aspekte ihres Handelns im Auge behalten.
Inzwischen bieten Internetfirmen an, eingeschicktes Erbmaterial (DNA) zu untersuchen und das persönliche Risiko für Diabetes, Brustkrebs oder Haarausfall vorherzusagen. Am Sinn derartiger und übrigens teurer "Tests" muss schon deswegen gezweifelt werden, weil es für die meisten Krankheiten nicht ein einziges bestimmendes Gen gibt, sondern viele Gene zusammen wirken und zudem Lebensverhältnisse eine entscheidende Rolle spielen. Mit der pränatalen (vorgeburtlichen) Diagnostik hat dieses Vorgehen ohnehin nichts zu tun.
Die Aufklärung der molekularen Ursachen von Krankheiten, auch solchen, an denen mehrere Gene beteiligt sind, schreitet durchaus voran. Es ist vorstellbar, dass in Zukunft jeder Mensch seine persönliche DNA-Sequenz kennt. Die Frage ist nur: Was kann man damit anfangen? Zur Zeit stehen etwa 6.000 Gene in Verdacht, an der Entstehung einer Krankheit beteiligt zu sein, wenn sie sich verändern (mutieren). Aber was machen Eltern mit der Auskunft, dass Ihr Kind mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit später ernsthaft krank werden könnte? Erhalten auch Dritte, etwa die Krankenversicherung, solche Informationen? Die Kluft zwischen technisch Möglichem und menschlich Sinnvollem ist groß.
Hinzu kommt: Kann der Mensch nach einer solchen Botschaft etwas ändern? Eine gesundheitsbewusste Lebensführung zum Beispiel ist gut, um den Ausbruch oder Verlauf mancher Krankheit zu beeinflussen – für diese Erkenntnis muss man jedoch nicht 350.000 Dollar ausgeben, die Summe, für die eine Sequenzierung des Erbguts derzeit angeboten wird.
Schwangerschaftsbedingte Erkrankungen wie Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen sind womöglich ebenfalls durch erbliche Veranlagung (mit-)verursacht. Aber auch hier gilt: Sehr wahrscheinlich spielen mehrere Erbeinflüsse mit nicht-genetischen Ursachen zusammen.
Auch das Risiko für Frühgeburten ist schon mit genetischen Ursachen in Zusammenhang gebracht worden, Genaueres weiß man aber (noch) nicht. Statistisch spricht Einiges dafür, dass es eine familiäre Veranlagung für Frühgeburtlichkeit gibt. Sehr wahrscheinlich aber ist, dass immer mehrere Gründe zusammen kommen und dass nur ein kleiner Prozentsatz mit genetischen Ursachen erklärt werden kann. Jedenfalls wird der Begriff "Krankheit" durch die molekulare Medizin nun auch ausgedehnt auf Diagnostik und möglicherweise Therapie, bevor Symptome auftreten. Positiv daran kann die Möglichkeit sein, gegebenenfalls frühzeitig auf den Krankheitsverlauf einzuwirken. Andererseits droht der soziale und seelische Zusammenhang verloren zu gehen.
Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Ungeborene als "Patient" in den Blickpunkt rückte, ist die Geburtsmedizin aus einem notfallorientierten zu einem auf Vorbeugung ausgerichteten Fach geworden. Und in den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich das Konzept der Medizin insgesamt gewandelt; indessen haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt, mit Hilfe der Molekularmedizin alles erklären und "heilen" zu können. Dennoch steht der Geburtshilfe durch die molekulare Medizin eine enorme Entwicklung bevor. Deren ethischen Grenzen müssen nicht nur in der Ärzteschaft, sondern von der Gesellschaft insgesamt definiert werden.
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Joachim W. Dudenhausen
Charité, Kliniken für Geburtsmedizin
Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin
Tel.: 030/450 56 4072; Fax: -4901
Mail

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Medienkontakt:
MWM-Vermittlung
Pressestelle DGGG-Kongress 2008
Kirchweg 3 B, 14129 Berlin
Tel.: (030) 803 96-86; Fax: -87
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