AKTUELLE MITTEILUNGEN
STARTSEITE
JUSTIN WESTHOFF
ANDREA WESTHOFF
MWM-VERMITTLUNG
PROJEKTE + REFERENZEN
KOOPS + LINKS

 

 

Durch
Gemeinsames
Gestalten
Gewinnen

 

 

 

 

 

 

 

Prof.Kentenich

 

 

 

57. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Hamburg (CCH) 16. bis 19. September 2008


Genitale "Schönheitsoperationen": Bedenkliche Livestyle-Medizin
Pressetext von Prof. H. Kentenich und Dr. A. Borkenhagen, Berlin

Während in westlichen Ländern Mädchen und Frauen zunehmend einem fragwürdigen Schönheitsideal auch im Intimbereich nacheifern, leiden vor allem in Afrika Frauen, meist nach der ersten Entbindung, an genitalen Krankheiten, für deren Behandlung das Geld fehlt. Solche Vaginal-Fisteln sind mit verheerender Lebensqualität und Isolation der betroffenen Afrikanerinnen verbunden, während die Luxus-Medizin für westliche Frauen womöglich mit einem gestörten Körperbild zusammen hängt, wobei zweifelhaft ist, ob solche Eingriffe die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper überhaupt verbessern. Auch innerhalb eines Staates wie Deutschland sollte man zumindest die Frage nach der Ressourcenverschwendung stellen.
Zweifelhafte Livestyle-Medizin in reichen Ländern …
In den USA und anderen westlichen Ländern ist in den letzten Jahren ein zunehmender Trend zu weiblichen genitalen Schönheitsoperationen zu verzeichnen. Unter genitaler Schönheitsoperation werden vor allem verstanden: Verkleinerung der inneren Schamlippen, Vergrößerung der äußeren Schamlippen, Fetteinspritzung beziehungsweise Fettabsaugungen an Schamhügel und äußeren Schamlippen, Vaginalverengung, Reduzierung der Klitorishaut, Vergrößerung des G-Punkts durch Kollageninjektionen (was zu einem Anschwellen der G-Punktregion führen soll) sowie die Wiederherstellung des Junfernhäutchens.
In den USA sind genitale Schönheitsoperationen bereits ein beliebtes Thema von speziellen Fernsehsendungen. Auch in Deutschland häufen sich Medienberichte über genitale Schönheitsoperationen. Diese Operationen stehen in Zusammenhang mit der "Mode" der Voll- oder Teilrasur der Schamhaare. In der Dr. Sommer-Studie der Zeitschrift Bravo (2006) sagen mehr als die Hälfte der 11- bis 17-jährigen Mädchen, dass sie sich die Schamhaare rasieren.
Durch die Mode der Intimrasur sind die weiblichen Genitalien sichtbarer geworden und zu lange innere oder äußere Schamlippen fallen stärker auf. So hat sich auch im Schambereich ein Schönheitsideal entwickelt. Es existiert nun eine Norm, "wie man da unten auszusehen hat". Auch hier ist Jugendlichkeit gefragt: Das weibliche Genitale soll wie das eines jungen Mädchens aussehen. Die äußeren Schamlippen sollen die inneren umschließen und die Schamlippen sollen in engen Tangas oder Bikinihöschen nicht auftragen. Gerade Mädchen und junge Frauen geraten durch diese Norm zunehmend unter Druck, diesem Ideal zu entsprechen und erleben zum Beispiel zu lange äußere Schamlippen als Stigma.
Ein weiterer Trend sind "Vaginalverjüngungsoperationen". Hierbei handelt es sich um Vaginalstraffung oder das Aufspritzen der G-Punktregion, was angeblich zu einer Verbesserung des Lustempfindens führen soll. Ein besseres Sexleben und der freiere Umgang mit Sexualität werden von den Anbietern genitaler Schönheitsoperationen versprochen, und von manchen Massenmedien werden diese Eingriffe bereitwillig gerühmt.
In Wirklichkeit ist gänzlich offen, ob sich genitale Schönheitsoperationen tatsächlich positiv auf den Umgang mit Sexualität auswirken. Studien zu den Auswirkungen und Folgen dieser Eingriffe liegen bisher nicht vor.
Gerade bei jungen Mädchen, deren Körper noch nicht voll entwickelt ist, ist der Wunsch nach einer kosmetischen Korrektur der Genitalien sorgsam abzuwägen. Grundsätzlich sind junge Frauen in der Pubertät häufig sehr unzufrieden mit dem eigenen Körper und messen Schönheit und Aussehen eine sehr große Bedeutung zu. Sie sind in ihrer Identität noch nicht gefestigt und bewerten Körperideale oft über, was sich im Erwachsenenalter häufig gibt. Meist verändert sich der Körper noch, zudem bedeutet eine genitale Schönheitsoperation immer ein Risiko. Hinter dem Wunsch nach einer genitalen Schönheitsoperation kann sich auch ein Minderwertigkeitserleben verbergen, dass durch eine genitale Schönheitsoperation nicht behoben wird. Auch besteht bei einer genitalen Schönheitsoperation die Gefahr, dass der Eindruck vermittelt wird, man müsse sich den jeweils herrschenden Körpermoden durch Operationen anpassen. Bei Mädchen in der Pubertät kann der Wunsch nach einer genitalen Schönheitsoperation auch Ausdruck einer Pubertätskrise oder einer Körperbildstörung – vergleichbar einer Essstörung – sein. Hier besteht das Risiko, dass durch eine Schönheitsoperation die eigentliche Ursache nicht behoben wird. Ein Teufelskreis kann in Gang kommen, bei dem immer neue Bereiche des Körpers durch eine kosmetische Operation verändert oder eine Sexualstörung mit dem Skalpell behoben werden soll.
Da es sich bei der Nachfrage nach genitalen Schönheitsoperationen um ein relativ neues Phänomen handelt und auch bisher keine Studien zum Thema vorliegen, gibt es auch kaum Beratungsangebote für Betroffene. Da es sich bei der genitalen Schönheitsoperation um einen nicht oder nur schwach medizinisch begründbare Eingriff handelt, sind Aufklärung und Beratung besonders wichtig. Zudem stellen sich auch juristische Probleme, wenn ein Eingriff nicht wirklich medizinisch begründet ist und die Patientin noch nicht das 18. Lebensjahr vollendet hat. Zumindest müssen Erziehungsberechtigte zustimmen – ein möglicher Ansatzpunkt für einen kritischeren Umgang mit genitalen Schönheitsoperationen.
… und dramatische Krankheiten ohne Behandlung in armen Ländern
Ohne Zweifel mangelt es in armen Ländern im Zeichen der Globalisierung auch auf dem Gebiet der medizinischen Versorgung oft an jenen finanziellen Mitteln und Infrastrukturen, die in reichen Ländern im Überfluss vorhanden sind beziehungsweise verschwendet werden. Während hierzulande teure genitale Schönheitsoperationen vorgenommen werden, sind Fisteloperationen und gynäkologische Krebsbehandlungen in Afrika meist unbezahlbar.
Insbesondere bei unzulänglichen geburtshilflichen Maßnahmen sowie bei sehr jungen Gebärenden kann es dazu kommen, dass nach der Entbindung Gewebe im Vaginalbereich abstirbt. Bei den Frauen bildet sich so eine schmerzhafte Fistel. Diese führt unter anderem zu Stuhl- und Harninkontinenz. Die erkrankten Frauen leiden unter der Geruchsbildung, sie werden oft von ihren Ehemännern verstoßen, leben in Isolation und Armut, nicht wenige von Ihnen entwickeln eine Depression bis hin zum Suizid.
Fisteln sind in Afrika – wo ohnehin weibliche Genitalverstümmelung und Vergewaltigungen ein umfangreiches Problem darstellen – sehr häufig. Eine Behandlung aber ist in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht machbar, weil es – bis auf einige löbliche Projekte – an Ärzten und an Geld fehlt.
Auch innerhalb des deutschen Gesundheitswesens stellt sich ohnehin die Frage, ob genitale Schönheitsoperation zu Lasten der Solidargemeinschaft vorgenommen werden dürfen. Bisher werden solche rein ästhetischen Eingriffe allenfalls in begründeten Ausnahmefällen von der Gesetzlichen Krankenversicherung bezahlt. Angesichts der hinter der Lifestyle-Medizin (wie etwa "Anti-Aging") stehenden ökonomischen Interessen wird sich jedoch zeigen müssen, ob der Druck auf die Krankenkassen wächst, solche Eingriffe in Zukunft zu bezahlen und ob dies langfristig dazu führt, dass für medizinisch notwendige Eingriffe weniger Geld zur Verfügung steht.

Ansprechpartner:
Dr.phil Dipl.-Psych. Ada Borkenhagen
Fertility Center Berlin
Spandauer Damm 130, 14050 Berlin
Tel.: 030/822 36 63; Fax: 01212/668 22 38 63
Mail
Prof. Dr.med. Heribert Kentenich
Frauenklinik, DRK-Kliniken Westend
Spandauer Damm 130, 14050 Berlin
Tel.: 030/3035-4405; Fax: -4499
Mail
***
Abdruck bzw. Verwendung frei – Belegexemplar erbeten an:
MWM-Vermittlung
Kirchweg 3 B, 14129 Berlin
Fax: 030/803 96-87
> Mail

Zurück Zur Presseseite DGGG-Kongress 2008


 

 

 
 
© xxmed.de, 2001