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57. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
Hamburg (CCH) 16. bis 19. September 2008


Die Bedeutung von Leitlinien in der Frauenheilkunde
Pressetext von Prof. R. Kreienberg, Ulm

Leitlinien führen in der Medizin nachweislich zu besseren Ergebnissen und dienen dazu, dass Ärzte auf dem neuesten Stand der medizinschen Kenntnisse behandeln können. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) gehört bei der Entwicklung solcher Standards zu den führenden medizinischen Fachgesellschaften. Aktuelle Beispiele sind Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung von Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs oder zur Hormonersatztherapie. Während Leitlinien generell als Ausdruck von Qualität akzeptiert sind, werden sie in der medizinischen Praxis mitunter missinterpretiert und nicht ausreichend umgesetzt.
Die Leitlinienkommission der DGGG hat vor mehr als zehn Jahren ihre Arbeit aufgenommen. Sie hat bisher über 60 Leitlinien der verschiedenen Qualitätsstufen (S1, S2 und S3) und annähernd 40 Stellungnahmen zu wichtigen Problemen der Gynäkologie und Geburtshilfe erarbeitet und gegebenenfalls aktualisiert. Zudem entsendet die DGGG Delegierte für die Mitarbeit bei wichtigen fachübergreifenden Leitlinien anderer Fachgesellschaften. Damit ist die DGGG auch in der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen Fachgesellschaften (AWMF) anerkannt.
Leitlinien dienen dazu, sowohl Assistentinnen und Assistenten in Ausbildung als auch Fachärztinnen und Fachärzte in Klinik und Praxis zu ermöglichen, mit der Entwicklung der Medizin Schritt zu halten. Leitlinien markieren dabei einen Handlungskorridor, in dem die ärztliche Therapiefreiheit im Interesse der notwendigen individuellen Patientenbehandlung durchaus erhalten bleibt. Dieser Korridor kann verlassen werden, wenn es die Situation und das Krankheitsbild einer Patientin erfordert. Allerdings sollte eine solche Abweichung sorgfältig begründet und dokumentiert werden.
Wandel des Arztberufes
Traditionell wurden Standards durch medizinische Meinungsführer festgelegt. Dieser Vertrauensvorschuss ist in allen entwickelten Gesundheitssystemen seit dem Ende des 20. Jahrhunderts in Frage gestellt worden. Ursache hierfür ist der nachvollziehbare Zweifel, ob das rasant zunehmende medizinische Fachwissen während der Ausbildung und durch Fortbildungsveranstaltungen der Fachgesellschaften alleine adäquat weiter gegeben werden kann.
Die Ärzteschaft stellt sich in zunehmendem Maße auf Patientenwünsche ein. Eine problemorientierte und patientenzentrierte Medizin muss sich auf die individuelle Erfahrung, aber auch auf die aktuell verfügbaren Wissensbestände stützen. Hierzu müssen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse professionell aufgearbeitet und dann von Ärzten umgesetzt werden. Es ist nachvollziehbar, dass dieser Umstellungsprozess auf Widerstände stößt. Die DGGG bemüht sich, durch Änderung der inneren Grundhaltung bei Kolleginnen und Kollegen die Implementierung von Leitlinien und damit den Transfer des aktuell verfügbaren Wissens in den ärztlichen Alltag zu beschleunigen.
Entwicklungsprobleme bei Leitlinien
Der Umfang des medizinischen Wissens wächst schnell. Jährlich werden knapp drei Millionen Artikel in medizinischen Fachjournalen publiziert. Aber ein Großteil dieser Veröffentlichungen sind wissenschaftlich wenig belastbare Beobachtungsstudien. Nur knapp 15 Prozent basieren auf relevanten Ergebnissen prospektiver, randomisierter und kontrollierter Studien. Auf Grund der Datenfülle verringert sich die Halbwertzeit des medizinischen Fachwissens rasch. Sie liegt derzeit in der gynäkologischen Onkologie bei weniger als fünf Jahren. Grundlage jeder Leitlinie ist, die aktuelle und relevante Literatur zu identifizieren und selektieren. Dies lässt sich ohne moderne Informationssysteme nicht lösen. Nach entsprechender Suchstrategie und Prüfung der Datengrundlage durch klinische Experten und Bewertung der Qualität dieser Literatur lassen sich daraus Handlungsempfehlungen ableiten, die dann in einem interdisziplinären Gremium von Experten unter Hinzuziehung von Patientenvertretern in einem hochkomplexen Abstimmungsprozess in die endgültige Leitlinie eingebaut werden.
Qualitätsanforderung durch Leitlinien
Mittlerweile hat die Versorgungsforschung deutlich gemacht, dass sich die Prozess- und Ergebnisqualität von Therapien durch die Anwendung hochwertiger Leitlinien verbessert. Jedoch gibt es eine erhebliche Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Akzeptanz und gelegentlicher individueller Abwertung dieses Vorgehens. Während in der Öffentlichkeit eine "leitlinienkonforme Behandlung“ gerne als Aushängeschild genutzt wird, ist die Übernahme von Empfehlungen aus Leitlinien in das medizinische Handeln bei Einzelnen immer noch nicht ausreichend verinnerlicht.
Notwendigkeiten für die Zukunft
Neben der Entwicklung neuer Leitlinien sowie deren kontinuierlicher Aktualisierung muss weiter an der Überwindung der grundsätzlichen Widerstände gearbeitet werden. Hierfür wird sich die Leitlinienkommission der DGGG auch in den nächsten Jahren vehement einsetzen. Die Leitlinienarbeit wird von einer konsequenten Information unserer Kolleginnen und Kollegen begleitet. Daneben hat die DGGG begonnen, Leitlinien für Patientinnen zu erstellen, die es den Betroffenen in verständlicher Sprache ermöglichen, ihren Ärztinnen und Ärzten bei allen Problemen ihrer Erkrankung die richtigen Fragen zu stellen und auf der Grundlage dieser Informationen Alternativen abzuwägen.

Siehe auch hier

Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Rolf Kreienberg
Präsident der DGGG für die Jahre 2008-2010
Universitätsfrauenklinik Ulm
Prittwitzstraße 43, 89075 Ulm
Tel.: 0731/500-58500; Fax: -58502
Mail

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Medienkontakt:
MWM-Vermittlung
Pressestelle DGGG-Kongress 2008
Kirchweg 3 B, 14129 Berlin
Tel.: (030) 803 96-86; Fax: -87
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