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57. Kongress der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie
und Geburtshilfe
Hamburg (CCH) 16. bis 19. September 2008
Brustkrebs: aktuelle und künftige Fortschritte
Pressetext von Prof. Ch. Thomssen, Halle/Saale
Die Erkenntnisse über die Entstehung, Diagnostik, Behandlung
und Nachsorge des Brustkrebses (Mammakarzinom) nehmen seit einiger Zeit
enorm zu. Es gibt bahnbrechende Fortschritte, aber nicht alle Veröffentlichungen
halten einer wissenschaftlichen Überprüfung stand. Erfreulich
ist, dass heute kaum noch Mammakarzinome erst im Spätstadium erkannt
werden. Auch die Therapie wird immer gezielter und damit effektiver. Für
die Zukunft sind weitere, maßgeschneiderte Medikamente zu erwarten.
Früherkennung und Prävention treten in den Vordergrund.
Fortgeschrittene Krankheitsstadien, die man früher zu sehen gewöhnt
war, sind heute zur Seltenheit geworden.
Beispiele für diesen erfreulichen Trend in der gynäkologischen
Onkologie sind die Früherkennung des Zervixkarzinoms und seiner Vorstufen
durch den Krebsvorsorgeabstrich, die Prävention des Zervixkarzinoms
durch HPV-Impfung, das gesetzliche Mammographiescreening und Maßnahmen
zur Prophylaxe des Mammakarzinoms. Neue Techniken werden benötigt,
um frühe Veränderungen – z.B. Vorstufen des Mammakarzinoms
und sehr kleine Mammakarzinome – zu erkennen, histologisch zu bestätigen,
adäquat zu operieren und zu behandeln. Kleine Eingriffe, die wenig
beeinträchtigen, sind inzwischen Standard (brusterhaltende Therapie,
Wächterlymphknoten-Methode). Sowohl ein "zu wenig" als
auch ein "zu viel" an Therapie (etwa durch unnötige Eingriffe)
muss vermieden werden.
Tumoren lassen sich in ihrer heterogenen Biologie immer genauer charakterisieren
und beschreiben. Therapien können gezielter eingesetzt werden.
Durch moderne molekularbiologische Techniken gewinnt man immer tiefere
Einsichten in Funktion und biologische Besonderheiten der Tumorzellen.
Viele unterschiedliche Mechanismen liegen der Tumorentwicklung zugrunde.
Mittels Genexpressionsanalysen ("Microarrays") können heute
tausende verschiedener Gene und sogar ganze Systeme und Signalwege dargestellt
werden, die bei dem einzelnen Tumor verändert sind und ihn in jeweils
besonderer Weise charakterisieren. Diese Methoden sind sicher geeignet,
neue Erkenntnisse zu gewinnen. Für die klinische Routine wird weiterhin
die Bestimmung einzelner Proteine (Eiweißstoffe) oder Gene im Vordergrund
stehen mit dem Ziel, besondere Situationen zu erfassen und die Therapie
darauf auszurichten. Mit den Invasionsfaktoren uPA/PAI-1 kann zum Beispiel
das Risiko eines Wiederauftretens des Tumors (Rezidiv) vorhergesagt werden:
Patientinnen, deren Tumoren nur geringe Mengen dieser Proteine bilden,
haben ein geringes Rückfallrisiko, folglich kann ihnen eine zusätzliche
Chemotherapie nach der Operation (bei fehlendem Befall der Lymphknoten)
erspart werden. Der Nachweis der Rezeptoren für Östrogene und
Progesteron ist geeignet, ein Ansprechen auf eine antihormonelle Therapie
vorherzusagen (Anti-Östrogene, Aromatasehemmer, GnRH-Agonisten),
der Nachweis des Wachstumsfaktorrezeptors HER-2 hilft, die Wirksamkeit
von Anti-HER-2-Wirkstoffen (Trastuzumab, Lapatinib) zu prognostizieren.
Für viele weitere Medikamente und Therapieprinzipien wird versucht,
solche Vorhersage-Faktoren zu finden.
Traditionelle Therapien wie antihormonelle Therapie, Chemotherapie
und Strahlentherapie werden immer effektiver und verträglicher durch
bessere und neue Substanzen, neue und wirksamere Kombinationen sowie effektivere
supportive Therapie zur Kontrolle der Nebenwirkungen.
Wirksame Behandlungen haben häufig auch Nebenwirkungen. Diese Therapien
sind bei der Mehrzahl der Patientinnen nur dann einzusetzen, wenn zum
Beispiel auch Übelkeit, Fieber, Verringerung der Zahl der weißen
Blutkörperchen (Leukopenie), unerwünschte Wirkungen aufs Herz
oder Osteoporose gut kontrolliert werden. Viele der genannten unerwünschten
Wirkungen können mitlerweile durch Gabe zusätzlicher Arzneimittel
weitestgehend verhindert werden. Die Zahl der zur Verfügung stehenden
Chemotherapeutika hat sich in den letzten Jahren vergrößert,
neue Substanzen werden vor Einführung genau auf ihre Nebenwirkungen
geprüft.
Neue, maßgeschneiderte Medikamente mit gezielter Wirkung lassen
hoffen, immer effektiver und immer gezielter behandeln zu können.
Klassisches und erfolgreiches Beispiel einer gezielten Therapie ist der
Einsatz antihormoneller Maßnahmen (Hormonentzug durch Ausschaltung
der Eierstöcke, Antiöstrogen-Behandlung, etwa Tamoxifen, Hemmung
der peripheren Östrogenproduktion durch Aromatasehemmer). Zielsystem
dieser Maßnahmen sind die Hormonrezeptoren und die davon abhängigen
Signalkaskaden. Mit Hilfe der adjuvanten Tamoxifen-Therapie mit nur einer
Tablette täglich können 35 bis 40 Prozent der Todesfälle
bei Patientinnen mit hormonrezeptorpositivem Mammakarzinom verhindert
werden.
Im engeren Sinne wird unter maßgeschneiderter Therapie ("targeted
therapy") die Behandlung mit Substanzen verstanden, die speziell
entwickelt worden sind, um als direkte Hemmstoffe (Inhibitoren) ihre Wirkung
zu entfalten, zum Beispiel von Rezeptor-Tyrosinkinasen (Signal-/Schaltproteine)
oder als Antikörper („-mab“) gegen bestimmte Proteine
(Rezeptoren, Liganden etc.).
Paradebeispiel für die moderne maßgeschneiderte Therapie ist
die Entwicklung des monoklonalen Antikörpers Trastuzumab. Dieser
Antikörper wurde für die gezielte Wirkung gegen den Wachstumsfaktorrezeptor
HER-2 entwickelt. Der klinische Einsatz zeigte überraschende Erfolge
bei metastasierten Erkrankung und – bei Einsatz in der postoperativen
adjuvanten Therapie – eine Halbierung der Rückfall- und wahrscheinlich
auch der Sterberate. Für viele weitere Zellprozesse (Proliferation,
Tumorgefäßbildung, programmierter Zelltod etc.) werden gegenwärtig
neue maßgeschneiderte Substanzen entwickelt. Antiangionese-Wirkstoffe
werden in Studien breit untersucht (zum Beispiel Sunitinib, Pazopanib)
oder sind bereits im klinischen Einsatz (Bevacizumab).
Weltweit dürften seit 1970 nahezu 200.000 Publikationen allein
zum Stichwort Brustkrebs erschienen sein. Jedes Jahr wird über eine
unübersehbare Zahl von Erkenntnissen zu Entstehung, Diagnose, Prognose,
Zellbiologie, Operationstechniken, Bestrahlungsbehandlung, Nachsorge,
medikamentöse Therapie, neue Zielmolekülen für neue Medikamentenentwicklungen,
Nebenwirkungen, psychoonkologischen Versorgung, Ernährung oder Lebensqualität.
Manche Ergebnisse sind eindeutig und bahnbrechend, andere sind nicht nachvollziehbar.
Angesichts dieser vielfältigen Entwicklungen ist es wichtiger denn
je, Ordnung in die Informationsvielfalt zu bringen und Standards zu definieren.
Nur so können Therapeuten und Patientinnen Sicherheit für Therapieentscheidungen
gewinnen und die Qualität von Diagostik und Therapie beurteilt werden.
Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) innerhalb
der DGGG gibt dazu evidenzbasierte Leitlinien heraus.
Ansprechpartner:Mail: christoph.thomssen@medizin.uni-halle.de
Ansprechpartner:
Prof. Dr.med. Christoph Thomssen
Sprecher der "Kommission Mamma" der AGO
Direktor Gynäkologie, Universitätsklinik
Ernst-Grube-Straße 40, 06120 Halle/Saale
Tel.: 0345/557-1847; Fax: -1501
Mail
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Medienkontakt:
MWM-Vermittlung
Pressestelle DGGG-Kongress 2008
Kirchweg 3 B, 14129 Berlin
Tel.: (030) 803 96-86; Fax: -87
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