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DIE LETZTE OASE IN DER JOURNALISMUS-WÜSTE?

Freud und Leid im Medizin- und Wissenschaftsjournalismus
Von Justin Westhoff

Artikel für das "Journal" des Deutschen Journalisten Verbandes - LV Berlin
Juni 2004

Über Qualitätsverluste in unserem Beruf wird ebenso geklagt wie über die katastrophale Entwicklung im "freien" Journalismus. Beides zu Recht. Ist da womöglich der Fachjournalismus eine Möglichkeit, dem zu entkommen, ist er quasi die "Rätselecke" der vereinigten Medienlandschaft?
Nein und ja.
Nehmen wir das Beispiel Medizinberichterstattung. Verschiedene Untersuchungen und Umfragen zeigen, das Rezipienten sich für keine Sparte mehr interessieren als für die Gesundheit - noch vor dem Sport. Und nachdem der Wissenschaftsjournalismus lange vernachlässigt wurde, haben sich mittlerweile die Voraussetzungen deutlich verbessert. Organisationen wie etwa die Bertelsmann-Stiftung haben entsprechende Programme aufgelegt, Universitäten – zum Beispiel Dortmund und FU Berlin – bieten spezielle Ausbildungen an, in der Fortbildung (auch an der Berliner Journalistenschule) spielt das Thema eine größere Rolle als früher. Manche Zeitungen haben mehr Seiten und Spalten für Natur- und Sozialwissenschaften und Medizin geöffnet, manche Verlage special-interest-Blätter (nicht immer von überragender Qualität) herausgebracht.
Anders ist es leider bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, besonders im Hörfunkbereich. Bei den aktuellen Wellen hat man mitunter den Eindruck, da dürfe "jeder 'ran", egal, ob er sich in dem Thema auskennt. Noch schlimmer die Kulturradios, die früher nicht nur Arbeit für "Freie" boten, sondern vor allem die Gelegenheit, Hintergründe darzustellen. Über die "Reformen" zum Beispiel bei HR und SFB/RBB regt sich eine Mehrheit auf – wobei beim HR (ebenso wie bei wenigen anderen ARD-Anstalten) wenigstens noch Plätze für Wissenschaften existieren; der RBB hingegen hat's nahezu ganz abgeschafft.
Um das, was abwertend "Jammern" genannt wird, komme ich auch aus anderen Gründen nicht herum.
Ein paar Beispiele:
° Kolleginnen und Kollegen, die sich fürs geneigte "Laien"-Publikum mit Medizin befassen, müssen sich unter anderem der Fachpresse bedienen. In Deutschland gibt es hunderte von Medizin- und Ärztezeitschriften. Nur ein wirklich verschwindender Teil davon jedoch kann für sich in Anspruch nehmen, unabhängig zu sein. Der Einfluss der Pharmaindustrie dort ist enorm. Und so sickern Jubelberichte bis ins Provinzblatt.
Zudem ist ein leider zu großer Teil gerade der Medizin-"Journalisten" selbst recht anfällig für direktere Freundlichkeiten.
Der Passus "keine unberechtigten Hoffnungen erwecken" aus den Richtlinien des Presserates wird ebenso häufig missachtet wie der von den "übertriebenen Ängsten".
° Letzteres wird auch dadurch gefördert, dass bestimmte Themen aus diesem Bereich "hip" geworden sind – BSE, Gentechnik, Krebs. So etwas eignet sich trefflich für Skandale. Umgekehrt aber auch für die Vernachlässigung kritischer Aspekte: Wo sich der Wirtschaftsredakteur mit der Pharmabranche und die Politik-Edelfeder mit den Chancen der Gentechnik auseinandersetzt, fehlt es – bei aller sonstigen Wertschätzung der Kolleginnen und Kollegen – manchmal eben doch an der speziellen Erfahrung.
° War früher von der Technikfeindlichkeit deutscher Journalisten die Rede, so herrscht heute umgekehrt, zum Teil, Expertengläubigkeit vor. Wobei ich zugebe: Das Gegenchecken ist bei Forschungsthemen meist schwieriger als anderswo ("zwei Experten, drei Meinungen") – aber genau dafür gibt es ja eigentlich den Fachjournalismus.
Apropos Experten: Allenthalben dürfen sie Journalisten ersetzen. Wenn einer beispielsweise Mikrobiologe ist, dann versteht der offenbar auch etwas von Kernkraftwerken. Also lässt man ihn über beides auch gleich schreiben, das schmückt und ist billiger – wozu braucht's denn auch journalistisches Handwerkszeug.
Auch wenn's Manche nicht mehr hören mögen: Am Gelde hängt doch Vieles.
* Der finanzielle Druck macht es –jedenfalls für "Freie" – immer schwieriger, sich Zeit für eigene Fortbildung zu nehmen, etwa einen ganzen Kongress zu verfolgen, statt nur zur PK zu hetzten. Diese Krankheit ist im Fachjournalismus letztlich "mit dem Leben nicht vereinbar" (Ärztejargon), sprich tödlich.
* Die Gründlichkeit bleibt zwangsläufig oft genug auf der Strecke, wenn eine Qualitätszeitung immer noch 75 Cent pro Druckzeile zahlt. Beispiel: 1 Stunde Vorbereitung, 2 Stunden Fahrzeit, 1 Stunde PK, 1 Stunde Nachrecherche, 1 Stunde schreiben - Kürzung auf 55 Zeilen. Oder: Die einstündige Hörfunksendung mit X O-Tönen und monatelanger Arbeit wurde noch nie ausreichend honoriert. Aber früher ließ sich das Werk mehrfach "verkaufen", heute fehlen die Sendeplätze dafür. Und so weiter.
So bleibt vielen Kolleginnen und Kollegen nichts anderes übrig als ein Zweitberuf: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, PKs organisieren, Broschüren oder PR-Texte schreiben . Zu dieser Spezies gehöre auch ich. Manchen von uns macht das Spaß, andere tun's notgedrungen.
Mal bringt die PR für Fachjournalisten ein ordentliches Ein- und Auskommen, mal reißt die Auftragslage unerklärlich ab. Aber immerhin…!
Unangenehm ist allerdings (neben steuerlichen und gewerberechtlichen Komplikationen), dass die Pensionskasse der VG Wort nicht einsehen mag, dass sich das journalistische Berufsbild geändert hat.
Das tiefer gehende Problem jedoch ist das der journalistischen Ethik. Neben anderen Fragen geht es darum, die beiden Tätigkeiten strikt voneinander zu trennen. Sich nicht als Journalist ausgeben, wenn man für einen dritten Auftraggeber arbeitet, nicht gleichzeitig bei beiden Seiten die Hand aufhalten, überhaupt nicht über eine Firma oder Organisation zu schreiben, in deren Lohn und Brot man steht – nur ein paar Beispiele. Die meisten von uns Doppelarbeitern schaffen die Einhaltung solcher, eigentlich ja selbstverständlicher Leitlinien problemlos – aber eben nicht alle. Der Arbeitskreis Medizinpublizisten hat längst klare Regeln aufgestellt, andere fachjournalistische Vereinigungen debattieren die Problematik derzeit intensiv. Diese Debatte sollte und wird auch den DJV künftig noch stärker als bisher beschäftigen, auch im Hinblick auf andere Berichterstattungsgebiete.
Die zahlreichen negativen Seiten des Wissenschaftsjournalismus lassen womöglich vermuten, dass es mit der "Oase" nicht weit her ist.
So ist es auch wieder nicht. Es gibt von allen geschilderten Fehlentwicklungen immer noch nicht wenige löbliche Ausnahmen. Es gibt – bei allen finanziellen ups und downs – Zeiten, in denen die Sorge, wovon man sich Brötchen oder den fälligen neuen Rechner kaufen soll, nicht gar so groß ist.
Vor allem aber: Manchmal verbeißt man sich in ein höchst kompliziertes Thema, fast darüber verzweifelnd, wie man es so aufbereiten kann, dass Hörer, Zuschauerin und Leser verstehen, wie wichtig es für sein und ihr Leben ist und auch, wie spannend; man recherchiert und liest und hakt nach und fängt noch mal von vorne an. Irgendwann aber hat's der Schreiber oder die Schreiberin selbst kapiert und richtig aufbereitet, und dann kommt vielleicht noch ein Rezipienten-Lob.
Ist es überheblich zu sagen, dass diese gelegentliche Befriedigung, vielleicht dieses Glücksgefühl, größer sein kann als in anderen journalistischen Sparten?

Anmerkung: Dieses Manuskript wurde eingereicht für – so hieß es – ein "neues Journal" des DJV und in Unkenntnis, dass es sich dabei ("DJV-Nachrichten") um eine Wahlkampf-Publikation zur Vorstandswahl am 5.6.04 handeln würde. Nun ist es dort erschienen – sei's drum. Denn da es sich um meine grunsätzlichen Erfahrungen im bzw. Gedanken zum Fachjournalismus handelt, interessiert es womöglich einig user meiner webside.
Und schon gar nicht war mir bekannt, dass dieser Artikel in einem Blatt erscheint, das von einer Agentur hergestellt wurde, die nach Auskünften bei der DJV-Hauptversammlung am 5.6.04 Thorsten Witt gehört. Witt steht wegen seiner Verbindungen zur rechten Szene (u.a. Horst Mahler) und Funktionen im "Bund Freier Bürger" in der Kritik. UND DAS MIR!

> Siehe: Tumulte bei den Wahlen im DJV Berlin



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